Drusenreich

LE CHIEN QUI LIT

Drusenreich – Teil 5

 

"Drusenreich" bedeutet, dass Sie, liebe Leser, je nachdem, wie Sie den Inhalt dieser Seite beurteilen, von den verschiedenen Bedeutungen des Wortes "Drusen" die ihnen passend erscheinende auswählen können.

ê

 

 

 

Lfd.Nr.

Inhaltsverzeichnis

Drusenreich – Teil 1

  1.  

Der Deutsche Wald: jenseits von Gut und Böse?

  1.  

AUS MEINEM BLOGHAUS

Drusenreich – Teil 2

  1.  

Rezension: Lexikon der populären Irrtümer

  1.  

Ausbeutung oder Konsumverzicht: Recht, gerecht, oder richtig?

Drusenreich – Teil 3

  1.  

Kondratieff, Rothbard und der Sacco di Roma

  1.  

THE ICEBERG READING OF AN ICEBERG LECTURE (über: Die Schatten der

Globalisierung / Globalization and its Discontents" von Prof. Joseph Stiglitz)

Drusenreich – Teil 4

  1.  

Kinderkosten - Rente – Umwelt – Gerechtigkeit

  1.  

Nur die totale Entfesselung des Kapitalismus rettet unsere Umwelt!

Drusenreich – Teil 5

  1.  

IN THE MACCHIA OF SPECIAL INTERESTS – A WELL OF CLEAR-CUT ANALYSIS?

Bemerkungen zur Studie „THE ISRAEL LOBBY AND U.S. FOREIGN POLICY“ der US-Politologen John J. Mearsheimer und Stephen M. Walt und zu den publizistischen Reaktionen darauf

Drusenreich – Teil 6               N. N.

  1.  

N. N.

  1.  

N. N.

 

 


 

IN THE MACCHIA OF SPECIAL INTERESTS ...

 

metmus

 

Kupferstich von Martin Schongauer;

Metropolitan Museum of Art, N. Y.

 

 

 

 

 


... A WELL OF CLEAR-CUT ANALYSIS?

 

nach links,Ausschn

nach rechts,Ausschn

Skulptur nach Auguste Rodin

Wikimedia Commons

As steals the morn upon the night,

And melts the shades away,

So truth does fancy's charm dissolve,

And rising reason puts to flight[1]

The fumes that did the mind involve,

Restoring intellectual day.

 

Schön wär's![2]

 

Bemerkungen zur Studie
„THE ISRAEL LOBBY AND U.S. FOREIGN POLICY“
der US-Politologen John J. Mearsheimer und Stephen M. Walt
und zu den publizistischen Reaktionen darauf

 

 

Text erstmalig eingestellt am 29.08.2006

Vorliegender Textstand vom 23.01.2009

 

INHALTSVERZEICHNIS

IN THE MACCHIA OF SPECIAL INTERESTS ...

... A WELL OF CLEAR-CUT ANALYSIS?

Bemerkungen zur Studie „THE ISRAEL LOBBY AND U.S. FOREIGN POLICY“ der US-Politologen John J. Mearsheimer und Stephen M. Walt und zu den publizistischen Reaktionen darauf

INHALTSVERZEICHNIS

Vorbemerkung

Einleitung

Struktur und allgemeine Beurteilung des Arbeitspapiers

Gliederung des Arbeitspapiers von Mearsheimer und Walt

THE ISRAEL LOBBY AND U.S. FOREIGN POLICY

[Seite, Überschrift des Kapitels (charakteristische Zitate bzw. Erläuterungen)]

1 - 2     THE ISRAEL LOBBY AND U.S. FOREIGN POLICY

2 - 3     THE GREAT BENEFACTOR

3 - 7     A STRATEGIC LIABILITY

8 - 14       A DWINDLING MORAL CASE

8      Backing the Underdog?

9      Aiding a Fellow Democracy?

9      Compensation for Past Crimes

11        'Virtuous Israelis' versus 'Evil Arabs'

14 - 26     THE ISRAEL LOBBY

14        What Is the Lobby?

16        Sources of Power

16        Strategies for Success

17        Influencing Congress

18        Influencing the Executive

20        Manipulating the Media

21        Think Tanks That Think One Way

22        Policing Academia

24        The Great Silencer

26 - 40     THE TAIL WAGGING THE DOG

26        Demonizing the Palestinians

30        Israel and the Iraq War

31        The Lobby and the Iraq War

35        Dreams of Regional Transformation

37        Gunning for Syria

38        Putting Iran in the Crosshairs

40        Summary

40 - 42     CONCLUSION

Auf den Seiten 43 –  82 folgen dann noch 211 "Endnotes"

Eigene Anmerkungen zur Debatte und zu den ihr zu Grunde liegenden Sachverhalten

Dimensionen der Debatte

1) Bereich des Faktischen:

2) Bereich der Spekulation

3) "Aktivierende" Elemente der Debatte

Inhaltliche Einzelaspekte aus der Debatte

"Wessen Land" oder "Moral und Geschichte: eine unendliche Geschichte"

Warum scheiterte der Friedensprozess (Oslo, Camp David)?

Siedlungspolitik Israels im Westjordanland

Zum Wirken der Lobby

"Split Loyalties"?

US-Interessen

Irak 2003: The WHATFORWAR oder die UMZUWAS-INVASION

Israel, die USA und Deutschland/Europa und das Streben des Iran nach atomarer Bewaffnung

Wissenschaft, Wissen schaffend – oder "Trash"? Zu Qualität und Funktion(en) der Mearsheimer-Walt-Studie

Antisemitisch ja/nein?

BREITE Debatte? Nein!   -   FURIOSE Debatte? Allerdings!

Gedanken, diverse:

Recht und Geschichte

Identität Israels anders gegründet als amerikanische Identität)

Über die Wahrscheinlichkeit und ggf. die Modalitäten eines Paradigmenwechsels in der US-amerikanischen Nahostpolitik

Umfrage(n) zur Debatte:

Stimmen in der Debatte

Vorbemerkung: Der Streit um das Mearsheimer-Walt-Papier und der Streit der Streiter untereinander

Wissenschaftliche Analysen (Kommunikationsanalysen, Medienanalysen)

 

 

Vorbemerkung

Die nachfolgenden Überlegungen stehen – wenn auch auf einer schon recht abstrakten Ebene – in einem gewissen Zusammenhang mit meinen Aufsätzen

 

- "Sinn substituiert die Konjunktion: rettet er die Renten durch ökonomische Akzeleration" auf meiner Webseite "Rentenreich" und

 

 - "The (b)rat in the box at the ultimate lever?" auf meiner Blogseite.

 

Die gemeinsame Thematik dieser Arbeiten ist die Untersuchung von Argumentationsstrategien bei der gesellschaftlichen Verfolgung (und ggf. Durchsetzung) von Partikularinteressen. . Konkret geht es dort um die:

 

- Einführung des Kapitaldeckungsverfahrens in der gesetzlichen Rentenversicherung an Stelle des Umlageverfahrens bzw. die

 

- Argumentationsstruktur anti-ökologischer Kampagnen

 

- und vorliegend um die Durchsetzung außenpolitischer Vorstellungen Israels in den USA zum Zwecke der Durchsetzung außenpolitischer Interessen im Nahen Osten.

 

Auf einer noch abstrakteren Ebene gehört die vorliegenden Notizen damit zu jenem Themenfeld, das mich eigentlich immer beschäftigt, nämlich "Sprache – Denken – Wirklichkeit".

 

Daneben habe ich aber natürlich auch ein inhaltliches Interesse, oder sogar zwei "Interessen":

Zum einen finde ich die Thematik subjektiv interessant, also intellektuell reizvoll, mit ihren ethisch-politisch-historischen Aspekten.

Zum anderen habe ich ein konkret politisches, quasi "objektives" Interesse insofern, als Deutschland und Europa derzeit ebenfalls in den Nahostkonflikt hineingezogen werden und wir alle bald sehr viel direkter betroffen werden als wir das derzeit (z. B. als Steuerzahler) sind. Der Einsatz deutscher Soldaten, nun auch im Nahen Osten, steht bevor (bzw. ist, wenn Sie diese Zeilen lesen werden, vielleicht schon Realität).

 

 

Prof. Alan Dershowitz schreibt über sein gegen Mearsheimer und Walt (nachfolgend auch: "M-W" genannt) gerichtetes Pamphlet, dass es "truly a 'working paper' — a work in progress" (S. 8) sein soll und rechtfertigt die gewissermaßen vorzeitige Veröffentlichung mit dem Satz "But because of the attention the original paper has received, it is essential to publish and circulate this response as soon as possible." Recht hat er (insofern zumindest), denn wer den Mund zu spät aufmacht, braucht ihn gar nicht mehr zu öffnen!

Was dem berühmten Rechtsgelehrten Recht ist, ist dem ruhmlosen Netzmeister billig: auch das vorliegende Papier ist ein "work in progress". Denn im Hinblick auf die fortgeschrittene Diskussion über den Einsatz (auch) deutscher Soldaten im Konfliktgebiet (wenn auch voraussichtlich nur auf hoher See) möchte auch ich nicht noch Monate mit der Veröffentlichung warten, um dann zwar vielleicht einen "runderen" Text präsentieren zu können, aber den politischen Ereignissen hinterher zu laufen.

Ich stelle deshalb zunächst dasjenige ein, was ich bis zu dem oben genannten Datum ("Vorliegender Textstand vom") zusammengestellt habe. Im Laufe der Zeit werde ich weitere Kommentare zu zahlreichen anderen Debattenbeiträgen nachzutragen.

 

 

Einleitung

Israelis tend to describe every threat in the starkest terms“ schreiben die US-Politologen John Mearsheimer und Stephen Walt in ihrer Studie „The Israel Lobby“ in der London Review of Books (LRB) vom 23.03.2006. (Die vollständige wissenschaftliche Arbeit – auf die sich im Folgenden auch meine Seitenangaben beziehen - erreicht man hier oder, etwas umständlicher, da, und auf Deutsch auf der Webseite eines gewissen Lutz Forster: TEXT  +  FUSSNOTEN.) [Falls der direkte Link-Zugriff über die Harvard-URL nicht klappt, findet man das Arbeitspapier auch über die Suchseite für die "research papers" der Fakultät.] Die „starkest terms“ riefen mir eine Formulierung wieder ins Gedächtnis, die ungefähr einen Monat nach Erscheinen des Arbeitspapiers von M-W durch die Presse ging:

Nach dem Selbstmordanschlag in Tel Aviv hat Israel vor einer neuen «Achse des Terrors» gewarnt. Die palästinensische Hamas-Regierung sowie Syrien und der Iran säten «die Saat für den ersten Weltkrieg des 21. Jahrhunderts», sagte der israelische UN-Botschafter Dan Gillerman im Sicherheitsrat in New York.“ (Hervorhebung von mir.)

Diese Meldung erschien am 18.04.2006 in zahlreichen Zeitungen und hat mich doch ziemlich aufgeschreckt. Prima facie erscheint sie als blanker Unsinn. Wie soll ein Selbstmordattentat einen Weltkrieg auslösen? Wir leben nicht mehr im Jahre 1914. Die machtpolitischen Konstellationen sind heute ganz anders und vor allem noch weitaus deutlicher asymmetrisch als damals. Außerdem haben nicht einmal die Angriffe arabischer Staaten auf Israel in der Vergangenheit einen Weltkrieg ausgelöst: Israel ist ganz allein und ganz locker mit denen fertig geworden.

Man kann die Formulierung aber auch ganz anders verstehen, nämlich als eine versteckte Botschaft des israelischen Botschafters bei der Völkergemeinschaft an die Völker der Welt: „Wenn die auf uns losgehen, ziehen wir euch alle in die Sache mit rein“.

Und nach der Lektüre der Arbeit von Mearsheimer und Walt könnte einem noch eine weitere Verschiebung der Lesart in den Sinn kommen, hin zur Bedeutung von „Wir haben die Macht und die Mittel, um euch in unsere Händel herein zu ziehen“.

Nun ist es sicherlich manchmal gut oder nützlich, richtig oder wichtig, dass man sich persönlich irgendwo „reinhängt“, oder dass sich ein Staat in die Angelegenheiten anderer Staaten involviert. So sehr auch Nicht-Einmischung das hehre Prinzip ist, leben wir nun einmal nicht in einer Welt abgeschotteter Monaden: weder als Individuen noch auf der Ebene der Staaten.

Weniger erfreulich ist es allerdings, von anderen irgendwo reingehängt zu werden. Das mag ich persönlich nicht, und als Bürger meines Staates kann ich mir das für diesen (ebenso wie auch für den Überstaat der EU) erst recht nicht wünschen. Erst vor kurzem hatte Shimon (gelegentlich auch "Schimon" geschrieben) Stein, Israels Botschafter in Deutschland, die Nato aufgefordert, sich In die seinerzeitigen Kämpfe Israels gegen die Hisbollah im Libanon reinzuhängen – vgl. "Israels Botschafter für Nato-Truppen in Nahost", Netzeitung vom 21.07.06. Freilich will Israel die Rolle der Nato (bzw. jetzt der internationalen Friedenstruppen[3]) darauf beschränken Soldaten abkommandieren. Bemühungen, einen dauerhaften Frieden Israels mit den Palästinensern zu vermitteln, sind eindeutig nicht willkommen[4]. Denn das heißt natürlich auch, einen Abzug der israelischen Besatzungssiedler aus dem Westjordanland zu verlangen. Da wäre mit Sicherheit das Geschrei über die Einmischung in die "inneren Angelegenheiten" Israels groß.

Wie auch immer: Kaum liegt die israelische Forderung auf dem Tisch, wird sie – in Gestalt einer internationalen Friedenstruppe – bereits umgesetzt.[5]

Auch wenn wir diesmal politisch auf der "richtigen" Seite stehen: moralisch stehen wir vielleicht wieder einmal auf der falschen. Eine bedingungslose Unterstützung Israels, die letztlich zu Lasten der Palästinenser geht, ist nicht unsere historische Pflicht, sondern belädt uns mit einer neuen historischen Hypothek.

 

Bereits am 04.02.06 hatte ich mir unter dem Titel „Propheten-Karikaturen und Palästinenserfrage“ (aus dem damals aktuellen Anlass der "Mohammed-Karikaturen") Gedanken über die Rolle gemacht, die Europa in dem Palästinakonflikt spielen könnte und sollte – und über die Rolle, die Amerika spielt und (nicht) spielen sollte. Dass sich, zumindest was die israelische Siedlungspolitik angeht, die amerikanische Supermacht von den israelischen Nationalisten wie ein Tanzbär am Nasenring durch die weltpolitische Arena führen lässt, sieht ein Blinder mit dem Krückstock von Wächtersbach quer über den Atlantik bis Washington. Und dieser Sachverhalt[6] wird übrigens nach meinem ersten Eindruck aus verschiedenen gegen Mearsheimer und Walt gerichteten Artikeln nicht einmal von deren Gegnern bestritten. Er wird (aus nahe liegenden Gründen) ganz einfach ausgeklammert.

 

Auch in Amerika haben viele Menschen Bedenken gegen die massive Schieflage der US-Politik in der Palästinafrage; aber John Mearsheimer und Stephen Walt sind nicht irgendwelche obskuren Intellektuellen, sondern Politologie-Professoren an geachteten Universitäten. Wie geht "die Lobby" mit denen um?

 

 

Struktur und allgemeine Beurteilung des Arbeitspapiers

Politologen schreiben, wenn sie nicht gerade Niccolo Machiavelli heißen, nicht für die Ewigkeit. Nicht selten schreiben sie (wie schon Niccolo Machiavelli) mit der Absicht, Einfluss auf die Politik ihrer Epoche zu nehmen.

 

Die Studie von Mearsheimer und Walt ist nach Anspruch und Form ebenso wie vom Inhalt und Niveau her eine wissenschaftliche Arbeit. Aber das ist nur die eine, gewissermaßen „akademische“ Seite.

 

Treibendes Motiv hinter dem Papier ist nicht akademischer Ehrgeiz, sondern klar erkennbar der Patriotismus der beiden Autoren. Ganz offenkundig sind sie der Meinung, dass die US-Außenpolitik im Nahen und Mittleren Osten total in der Sackgasse steckt. Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, dass sie die US-Soldaten lieber gestern als heute aus dem Irak abgezogen sehen möchten, und erst recht keine militärischen Konflikte mit weiteren Ländern in der Region (Iran, Syrien) wünschen: „We don’t need another Iraq“ schreiben sie (S. 41). Mearsheimer und Walt lieben ihr Land und wollen es aus der Sch. heraus holen, in die es dort ‚hineingeraten’ ist (oder hineingeraten wurde?).

 

Diese selbst gestellte Aufgabe gehen sie als Politologen systematisch an, indem sie (sich und ihr Publikum) fragen, welche politischen Wirkmechanismen die USA dort hineingebracht haben und dort halten.

Auch wenn Kritik an evtl. Fehlern im Papier legitim ist: Erwiderungen gegen Mearsheimer und Walt, die lediglich auf den Einfluss der US-amerikanischen Israel-Lobby insgesamt abstellen, oder gar nur aus längst vergangenen Zeiten, gehen weitgehend schon am Inhalt der Studie von Mearsheimer und Walt vorbei, denn diese bezieht sich im Kern auf die aktuelle Situation (d. h. insbesondere die Lage seit dem 11.09.2001. Erst recht verfehlen weit ausholende Rückgriffe in die Vergangenheit (mit – mehr oder weniger überzeugenden – Beweisen gegen eine besonders große innenpolitische Macht der US-amerikanischen Israel-Lobby) eine Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Anliegen der beiden amerikanischen Patrioten (die übrigens auch in dieser Hinsicht Niccolo Machiavelli vergleichbar sind, dessen kühle Kalkulationen letztlich von einem starken Patriotismus - bzw. genauer: von zwei Patriotismen, für seine „beiden“ Vaterländer Florenz und Italien - gespeist waren), nämlich die Nahostpolitik ihres Landes auf einen Weg zu führen, der den Interessen ihres Landes dient (das nicht nur sie in diesem Zusammenhang als häufig von einer fremden – kleinen - Macht ferngesteuert sehen).

 

 

Auch die negativen Auswirkungen, welche diese ungewöhnlichen Staatenliaison für die anderen Verbündeten der USA hat, bleiben nicht unerwähnt:

„Why has the US been willing to set aside its own security and that of many of its allies in order to advance the interests of another state?“ (S. 2)

„The Lobby’s influence causes trouble on several fronts. It increases the terrorist danger that all states face – including America’s European allies.“ (S. 42)

 

Was die Brüskierung nicht nur der Alliierten, sondern der gesamten Welt angeht, erinnere ich mich noch sehr deutlich daran, dass Jassir Arafat vor längeren Jahren von der UNO (von irgend einem Ausschuss der UNO-Vollversammlung, glaube ich) eingeladen worden war, seinen Standpunkt dort vorzutragen. Die USA ließen ihn gleichwohl nicht einreisen, weil er ein Terrorist sei.

Ich habe keinen Zweifel daran, dass er – bis wann? – ein Terrorist war. Aber zu diesem Zeitpunkt war er persönlich sicherlich kein aktiver Terrorist mehr, und vor allem wäre er bestimmt nicht mit ein paar Bomben im Gepäck in die USA eingeflogen.

Jedenfalls verweigerten die USA ihm das Einreisevisum; ob auf Druck der Lobby, weiß ich nicht (formal wurde irgend ein Gesetz vorgeschoben).

Leider ließen sich die Völker der Welt dann darauf ein, an einem anderen Ort (Genf?) zusammen zu kommen. Mich hat das tief beschämt; nicht weil ich Arafat besonders geschätzt hätte, sondern weil ich die amerikanische Weigerung, einen von der Weltgemeinschaft eingeladenen Gast zum Sitz der Völkergemeinschaft einreisen zu lassen, als einen ungeheuren Affront empfunden habe. Man durfte sich so richtig als Angehöriger der World United Banana Republics fühlen.

Angemessen wäre es aus meiner Sicht gewesen, wenn die UNO-Mitglieder die USA vor die Alternative gestellt hätten, entweder Gäste der UNO einreisen, oder aber das UN-Hauptquartier für immer ausreisen zu lassen, es also z. B. nach Genf zu verlegen. Es kann nicht angehen (und wird nur von politischen Eunuchen wie den Europäern hingenommen), dass man Gastgeber eines Völkerbundes ist und sein will, und diesen dann, wenn einem irgend etwas nicht in den Kram passt, in den A. tritt.

Man mag einwenden, dass es erheblich schwerer wiegende Verstöße gegen das Völkerrecht und Affronts gegen die UNO gegeben hat. Für mich war in diesem Falle aber der Symbolwert um so größer, als alle Staaten brav gekuscht haben. Wenn diese (also auch wir) sich da massiv auf die Hinterbeine gestellt hätten, hätten sie/wir sich/uns mit Sicherheit gegen diese unglaubliche 'Arroganz der Macht' durchgesetzt.

 

 

Gliederung des Arbeitspapiers von Mearsheimer und Walt

Nach dieser kleinen, eher persönlichen Abschweifung nun aber zur Analyse des Arbeitspapiers von M-W. Da es kein Inhaltsverzeichnis enthält, ist es vielleicht nützlich, die Gliederung des Textes hier darzustellen, um die überzeugend klare Struktur der Argumentation von Mearsheimer und Walt transparent zu machen.

 

THE ISRAEL LOBBY AND U.S. FOREIGN POLICY

[Seite, Überschrift des Kapitels (charakteristische Zitate bzw. Erläuterungen)]
1 - 2                     THE ISRAEL LOBBY AND U.S. FOREIGN POLICY[7]

("... the overall thrust of U.S. policy in the region is due almost entirely to U.S. domestic politics, and especially to the activities of the “Israel Lobby.”)

2 - 3                     THE GREAT BENEFACTOR

("America's [finanzielle + politische] support for Israel is, in short, unique")

3 - 7                     A STRATEGIC LIABILITY

("Israel may have been a strategic asset during the Cold War",

ist aber eine Belastung spätestens seit dem 1. Golfkrieg 1990/91. Die USA haben

"a terrorism problem in good part because it is so closely allied with Israel. .. U.S. support for Israel is not the only source of anti-American terrorism, but ... an important one, and it makes winning the war on terror more difficult.")

8 - 14         A DWINDLING MORAL CASE

("Viewed objectively, Israel’s past and present conduct offers no moral basis for privileging it over the Palestinians.")

DARIN FOLGENDE UNTERKAPITEL:

8       Backing the Underdog?

(Israel ist – und war - militärisch zumindest nicht schwächer als die Araber)

9       Aiding a Fellow Democracy?

("Israel is formally democratic", verweigert aber den von ihm kontrollierten Palästinensern volle politische Rechte)

9       Compensation for Past Crimes

("This history [d. h. die Verfolgung der Juden] ... provides a strong moral case for supporting Israel’s existence. But the creation of Israel involved additional crimes against a largely innocent third party: the Palestinians.")

11     'Virtuous Israelis' versus 'Evil Arabs'

("In terms of actual behavior, Israel’s conduct is not morally distinguishable from the actions of its opponents.")

14 - 26       THE ISRAEL LOBBY

("unmatched power", "ability to manipulate the American political system")

DARIN FOLGENDE UNTERKAPITEL:

14     What Is the Lobby?

("We use 'the Lobby' as a convenient short-hand term for the loose coalition of individuals and organizations who actively work to shape U.S. foreign policy in a pro-Israel direction." "... this term is not meant to suggest that 'the Lobby ' is a unified movement with a central leadership, or that individuals within it do not disagree on certain issues.".....  "The Lobby also [d. h. außer amerikanischen Juden] includes prominent Christian evangelicals ... [and] neoconservative gentiles")

16     Sources of Power

("The Lobby’s activities are not the sort of conspiracy depicted in antiSemitic tracts like the Protocols of the Elders of Zion*. For the most part, the individuals and groups that comprise the Lobby are doing what other special interest groups do, just much better.")      *dt.: Protokolle der Weisen von Zion.

16     Strategies for Success

(Zweigleisige Strategie einer direkten politischen Einflussnahme einerseits andererseits und einer Beeinflussung der öffentlichen Meinung

"... by repeating myths about Israel and its founding and by publicizing Israel’s side in the policy debates of the day")

17     Influencing Congress

("... in the U.S. Congress, where Israel is virtually immune from criticism" ..... "One reason for the Lobby’s success with Congress is that some key  members are Christian Zionists".....  "ProIsrael congressional staffers are another source of the Lobby’s power" ..... "The bottom line is that AIPAC, which is a de facto agent for a foreign government, has a stranglehold on the U.S. Congress") [Hervorhebung von mir]

18     Influencing the Executive

("Jewish voters have high turn-out rates ..." ..... "For example, pro-Israel forces make sure that critics of the Jewish state do not get important foreign – policy appointments".

Über die Position der USA den Friedensverhandlungen im Jahr 2000 in Camp David schreiben M-W, dass

"the American delegation took its cues from Israeli Prime Minister Ehud Barak, coordinated negotiating positions in advance, and did not offer its own independent proposals for settling the conflict.")

20     Manipulating the Media [8]

("...the Lobby strives to shape public perceptions about Israel and the Middle East. It does not want an open debate on issues involving Israel, because an open debate might cause Americans to question the level of support that they currently provide."   "...  the American media contains few criticisms of Israeli policy, rarely questions Washington’s relationship with Israel, and only occasionally discusses the Lobby’s profound influence on U.S. policy.") [Hervorhebung von mir]

21     Think Tanks That Think One Way [9]

(Dazu rechnen M-W: Das WINEP - Washington Institute for Near East Policy  -, das American Enterprise Institute, die Brookings Institution, das Center for Security Policy, das Foreign Policy Research Institute, die Heritage Foundation, das Hudson Institute, das Institute for Foreign Policy Analysis und – naturgemäß – das Jewish Institute for National Security Affairs – JINSA.)

22     Policing Academia [10]

("The Lobby has had the most difficulty stifling debate about Israel on college campuses, because academic freedom is a core value and because tenured professors are hard to threaten or silence." Trotzdem gibt es "Groups in the Lobby ... [that] direct their fire at particular professors and the universities that hire them." ..... "In sum, the Lobby ... has worked hard to stifle criticism of Israel by professors and students and there is much less of it on campuses today.")

24     The Great Silencer

(= Antisemitismusvorwurf: "Anyone who criticizes Israeli actions or says that pro-Israel groups have significant influence over U.S. Middle East policy ... stands a good chance of getting labeled an anti-Semite."[11])

26 - 40       THE TAIL WAGGING THE DOG

(" ... the Lobby has ... sought to shape the core elements of U.S. Middle East policy. In particular, it has worked successfully to convince American leaders to back Israel’s continued repression of the Palestinians and to take aim at Israel’s primary regional adversaries: Iran, Iraq, and Syria.")

DARIN FOLGENDE UNTERKAPITEL:

26     Demonizing the Palestinians

("... the Bush Administration failed to change Israel’s policies, and Washington ended up backing Israel’s hard-line approach instead. Over time, the Administration also adopted Israel’s justifications for this approach, so that U.S. and Israeli rhetoric became similar."

Den Grund für diese Politik, die nicht dem amerikanischen Wählerwillen entspricht – "73 percent said that United States should not favor either side" -, sehen M-W im Wirken der Lobby, nicht nur der jüdischen, sondern auch der evangelikalen.)

30     Israel and the Iraq War

("Pressure from Israel and the Lobby was not the only factor behind the U.S. decision to attack Iraq in March 2003, but it was a critical element. Some Americans believe that this was a 'war for oil,' but there is hardly any direct evidence to support this claim. Instead, the war was motivated in good part by a desire to make Israel more secure.[12]")

31     The Lobby and the Iraq War

(Mearsheimer und Walt verkennen nicht, dass die Macht der vereinten zionistischen und neokonservativen Lobby nicht ausgereicht hätte, um Bush in das Irak-Abenteuer zu treiben. Dazu war 'Hilfe', nämlich der Eintritt eines außergewöhnlichen Ereignisses nötig:

"That help arrived with 9/11. Specifically, the events of that fateful day led Bush and Cheney to reverse course and become strong proponents of a preventive war to topple Saddam. Neoconservatives in the Lobby ... played especially critical roles in persuading the President and Vice-President to favor war.")

Sie beschließen dieses Unterkapitel mit dem Satz:

"Without the Lobby’s efforts, the United States would have been far less likely to have gone to war in March 2003.[13]")[14]

35     Dreams of Regional Transformation

(Hier beschreiben M-W den unter Clinton vollzogenen 'Paradigmenwechsel' in der US-Nahostpolitik von einer durch gegenseitiges Ausspielen der Regionalmächte – d. h. insbesondere Irak und Iran – bewirkten Machtbalance hin zu einer Strategie des "dual containment", d. h. einer gleichzeitigen Konfrontation der US-Politik gegen den Irak und den Iran. Die Wurzeln dieses Paradigmenwechsels sehen sie offenbar in israelischen und pro-israelischen Einflussnahmen auf die US-Außenpolitik.)

37     Gunning for Syria

("Israeli leaders did not push the Bush Administration to put its crosshairs on Syria before March 2003, because they were too busy pushing for war against Iraq. But once Baghdad fell in mid-April, Sharon and his lieutenants began urging Washington to target Damascus. ..... Syria was not on bad terms with Washington before the Iraq war ...and it was no threat to the United States. Playing hardball with Syria would make the United States look like a bully with an insatiable appetite for beating up Arab states. ..... Yet Congress insisted on putting the screws to Damascus, largely in response to pressure from Israel officials and pro-Israel groups like AIPAC.  If there were no Lobby, ... U.S. policy toward Damascus would have been more in line with the U.S. national interest.")

38     Putting Iran in the Crosshairs

("If Washington could live with a nuclear Soviet Union, a nuclear China, or even a  nuclear North Korea, then it can live with a nuclear Iran.[15]")

40     Summary

(Offenbar bezogen auf das Kapitel "THE TAIL WAGGING THE DOG", nicht auf das gesamte Arbeitspapier.

" Israel and its American supporters want the United States to deal with any and all threats to Israel’s security. If their efforts to shape U.S. policy succeed, then Israel’s enemies get weakened or overthrown, Israel gets a free hand with the Palestinians, and the United States[16] does most of the fighting, dying, rebuilding, and paying.")

 

40 - 42       CONCLUSION

(Es liegt in der Natur der Sache, dass ich aus den zusammenfassenden Schlussfolgerungen von Mearsheimer und Walt ausführlicher als bei den vorherigen Kapitel zitiere:

"... using American power to achieve a just peace between Israel and the Palestinians would help advance the broader goals of fighting extremism and promoting democracy in the Middle East. But that is not going to happen anytime soon." ....."... the Lobby's influence causes trouble on several fronts. It increases the terrorist danger that all states face - including America's European allies. By preventing U.S. leaders from pressuring Israel to make peace, the Lobby has also made it impossible to end the Israeli-Palestinian conflict. This situation gives extremists a powerful recruiting tool ...". ..... "Thanks to the Lobby, the United States has become the de facto enabler of Israeli expansion in the occupied territories, making it complicit in the crimes perpetrated against the Palestinians." ..... "... the Lobby’s campaign to squelch debate about Israel is unhealthy for democracy. ..... "... efforts to stifle debate by intimidation must be roundly condemned by those who believe in free speech and open discussion" ..... "Ironically, Israel itself would probably be better off if the Lobby were less powerful and U.S. policy were more evenhanded." ..... "Denying the Palestinians their legitimate political rights certainly has not made Israel more secure" ..... " What is needed, therefore, is a candid discussion of the Lobby’s influence and a more open debate about U.S. interests in this vital region. Israel’s well-being is one of those interests, but not its continued occupation of the West Bank or its broader regional agenda.") [Hervorhebung von mir]

Auf den Seiten 43 –  82 folgen dann noch 211 "Endnotes"

 

 

Eigene Anmerkungen zur Debatte und zu den ihr zu Grunde liegenden Sachverhalten

 

Dimensionen der Debatte

Diskursiven Trübfischern (die es nicht nur bei den Antisemiten, sondern auch bei den Anti-Antisemiten gibt) kann man das Handwerk erschweren, indem man Sachverhalte bzw. Einstellungen mit möglichst großer Schärfe einerseits trennt und andererseits, soweit man ihr Wabern im Debattenhintergrund spürt, die Schwebstoffe aus der Debatte herausfiltert und die Konturen der eigentlichen Problemlage sichtbar macht (bzw. sichtbar hält).

Für ein sachadäquates Verständnis der tatsächlichen Handlungsweise der Lobby, deren moralischer (ggf. auch juristischer) Beurteilung und der von M-W beabsichtigten oder tatsächlich implizierten Beurteilung sowie schließlich auch für ein vertieftes Verständnis der Arbeit vom M-W erscheint es mir wichtig, bei der Bewertung des möglichen Vorwurfs von "split (oder dual) loyalties" gegen Akteure der Lobby folgende 3 Bereiche zu unterscheiden:

 

 

1) Bereich des Faktischen:

a) Existenz und Wirken "der Lobby" ganz allgemein:

Dass "die Lobby" Partikularinteressen vertritt, versuchen einige ihrer Anhänger in der Diskussion zwar zu vernebeln. Bestreiten können und tun sie es schon deshalb nicht, weil die Lobby eben nicht konspirativ im Untergrund wühlt, sondern ganz offiziell und öffentlich aktiv ist. Deshalb kann ihre Existenz (wohl aber natürlich ihr Umfang und ihr Erfolg) nicht bestritten werden (und wird auch nicht einmal von den schärfsten Gegner von M-W geleugnet).

 

b) Belegbare Fakten zum Reden/Handeln der Lobby und der israelischen Regierung:

Positionen, für welche die israelische Politik und die zionistische Lobby tatsächlich eingetreten sind bzw. (bei der israelischen Regierung) Handlungen, die dieser tatsächlich zuzuordnen sind (z. B. Siedlungspolitik im Westjordanland)

 

c) Tatsächlich später eingetretene Ereignisse, die als solche unstreitig sind (z. B. Irak-Krieg).

 

2) Bereich der Spekulation

(Meinungen, für die in aller Regel kein strenger Nachweis/Beweis im naturwissenschaftlichen oder auch nur im juristischen Sinne erbracht werden kann):

 

Bei diesen Fragen kann Dissens bestehen; die Advokaten der zionistischen Lobby werden

 

aa) den Kausalzusammenhang zwischen der Lobby-Arbeit und den politischen Ereignissen jedenfalls dann bestreiten, wenn tatsächlich erreichte Ziele in der Öffentlichkeit schlecht ankommen (Irak-Krieg);

bb) eine Diskrepanz zwischen Lobby-Zielen und US-Interessen leugnen und, wenn sie besonders dreist sind (und/oder mit Sachargumenten nicht überzeugen können),

cc) die Kritiker der Lobby auf anderen Wegen als denen eines rein sachbezogenen Streites der Meinungen zu diskreditieren versuchen (Antisemitismus-Vorwurf usw.).

 

a) Wirkung der Lobby-Arbeit

"Prozentualer" Anteil der Lobby-Aktivitäten an später eingetreten Ereignissen.

 

b) Interessenanalyse aus Sicht der USA

Identität oder Diskrepanz der Lobby-Ziele zu den (außenpolitischen) US-Interessen (Problem der Definition von "wahren" Interessen; unvermeidliche Subjektivität der Interessenbestimmung, Problem des Zeithorizonts bei der Interessenbestimmung).

 

c) Bei unterstellter Diskrepanz der Lobby-Aktivitäten zu US-Interessen taucht die Frage einer moralischen Bewertung der Lobby-Aktivisten auf ("Vaterlandsverräter"?).

Teilweise unausgesprochen im Hintergrund der Empörung (soweit sie genuin ist und nicht lediglich instrumentalisiert, was man natürlich im Einzelfall nie wissen kann) steht der Ruch des "Vaterlandsverrats", den die Lobby-Anhänger bzw. –vertreter offenbar aus den Ausführungen von M-W heraus lesen. Insoweit hätten M-W vielleicht klar stellen sollen, dass der Vorwurf, die Lobby vertrete Ziele, die nicht mit den [im Sinne von M-W definierten] US-Interessen identisch oder diesen sogar konträr seien, nicht zwangsläufig bedeutet, dass die Lobby-"Mitglieder" bewusst den außenpolitischen Interessen der USA Schaden zufügen oder auch nur den Eintritt von Schäden billigend in Kauf nehmen wollen.

Bei gutem Willen kann man schon aus dem Umstand, dass M-W auch andere als jüdische Neokonservative zur Lobby zählen, erkennen, dass M-W eben nicht davon ausgehen, dass den Lobby-Mitgliedern die Interessendiskrepanz bewusst ist (über die man ja in der Tat streiten kann, weil sie nicht zum Bereich der eindeutig feststellbaren Fakten zählt).

Weil aber nicht bei allen Kritikern von M-W guter Wille vorausgesetzt werden darf, wären M-W gut beraten gewesen, diesen Sachverhalt expressis verbis zu formulieren. (In ihrem neuen Debattenbeitrag vom 01.07.06 "The War over Israel's Influence" tun sie mittlerweile genau das: "These organizations believe their efforts advance both American and Israeli interests. We do not" heißt es dort.)

 

d) Schließlich könnte man in diesem Zusammenhang natürlich noch die Frage nach den "wahren" Interessen Israels aufwerfen, wie das M-W tatsächlich auch tun (S. 41 letzter Absatz).

 

 

3) "Aktivierende" Elemente der Debatte

Auf einer anderen Ebene steht die Unterscheidung zwischen den analytischen und den aktivierenden Elementen der Arbeit von M-W. Keine Frage: Mearsheimer und Walt wollen wirken[17]. Sie wollen nicht mandarineske Glasperlenspiele im Elfenbeinturm abspulen, sondern sie versuchen, mit dieser Studie die US-Nahostpolitik in eine andere Richtung zu lenken[18]. Aus diesem Grunde muss die Arbeit zwangsläufig auch eine "aktivierende" Dimension haben; M-W müssen ihrem Publikum ein möglichst breites Spektrum von Gründen bieten, um eine Politikänderung auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Diskurses – also der "realistischen" wie der moralischen Ebene – zu rechtfertigen. Deshalb die Argumente, dass die israelische Position der arabischen moralisch zumindest nicht überlegen ist, wie sie sich z. B. in folgenden Sätzen (die im Arbeitspapier natürlich begründet werden), verdichtet:

"Viewed objectively, Israel’s past and present conduct offers no moral basis for privileging it over the Palestinians." (S. 8)

"The fact that the creation of Israel entailed a moral crime against the Palestinian people was well understood by Israel’s leaders." (S. 11)

"In terms of actual behavior, Israel’s conduct is not morally distinguishable from the actions of its opponents." (S. 11)

"Israel’s subsequent conduct towards its Arab adversaries and its Palestinian subjects has often been brutal, belying any claim to morally superior conduct." (S. 12)

"Israel may not have acted worse than many other countries, but it clearly has not acted any better." (S. 14)

 

Diese Elemente bieten den Gegnern naturgemäß größere Angriffsflächen und emotionalisieren die Debatte. Andererseits spielen Gefühle (z. B. das Gerechtigkeitsgefühl!) immer eine mehr oder weniger große Rolle. Ohnehin ist ja die ganze Grundlage der Debatte nicht-rational: warum wollen die Juden überhaupt Juden sein (bzw. als Juden leben dürfen), die Palästinenser Moslems (und Christen) und in jedem Falle Palästinenser, und warum sind Christen Christen und wollen es bleiben? Wieso sind in Deutschland in Münster mehr Menschen katholisch und in Heidelberg mehr calvinistisch? Rational ist das alles nicht. Aber deswegen ist es keineswegs "irrational": es ist ganz einfach nicht-rational, eine andere Dimension, die sich nicht (zwangsläufig) gegen die Vernunft richtet[19].

Unser Handeln, auch unser rationales politisches Handeln, wächst also auf einem nicht-rationalen Nährboden und kann auch deshalb nicht ausschließlich durch eine rationale Argumentation gesteuert werden.[20]

M-W beschreiben, wie die zionistische Lobby die Meldungen über die Ereignisse im Palästinakonflikt in ihrem Sinne zu beeinflussen, zumindest aber deren Bewertung zu monopolisieren versucht. Dem treten sie – was ich für legitim halte – entgegen, indem sie wenig bekannte Fakten ins Licht rücken. Soweit ihnen dabei im Einzelfalle Irrtümer unterlaufen sind, ist Kritik daran natürlich legitim und M-W müssten eventuelle unzutreffende Behauptungen berichtigen.

 

Jedenfalls ist aber das, was ich die "aktivierende" Dimension des Textes von Mearsheimer und Walt nenne, nur eine Facette ihrer im übrigen analytischen ausgerichteten Arbeit. Es ist deshalb irreführend, wenn Heumann/Zucker (vgl. unten bei "Zaungäste) schreiben: "Der Titel ist sachlich: 'The Israel Lobby and U.S. Foreign Policy'. Aber Ton und These des Papiers sind als Polemik gedacht."

 

 

Inhaltliche Einzelaspekte aus[21] der Debatte

 

"Wessen Land" oder "Moral und Geschichte: eine unendliche Geschichte"

"Europe’s crimes against the Jews provide a clear moral justification for Israel’s right to exist"

meinen Mearsheimer und Walt (S. 10).

Das ist aus meiner Sicht schon ein polit-ethisches Zugeständnis (welches ihnen die wütenden Verteidiger "der Lobby" nicht einmal danken).

Denn ganz so einfach, wie es in dieser Textpassage von M-W erscheint, ist die Existenz (bzw. genauer: die Gründung) Israels, moralisch nicht zu rechtfertigen[22]. Eine solche Rechtfertigung vollzieht sich schließlich nicht im luftleeren Raum.

Kein Araber, Palästinenser eingeschlossen, hätte etwas dagegen, dass ein Staat Israel existiert – irgendwo. Zu einer solch abstrakten Rechtfertigung bedürfte es auch keines Rekurses auf den von M-W höflich als "europäische" Verbrechen bezeichneten Nazideutschen Völkermord an den Juden. Es wäre ausreichend zu sagen, dass die Zionisten gern einen eigenen Staat hätten – und so haben sie sich eben einen aufgebaut.

Das Problem ist nur, dass dieser Staat Israel nicht irgendwo existiert, sondern eben in Palästina liegt, und dass es da schon vorher Leute gab, und dass die dort seit langen Jahrhunderten ansässigen Einwohner keinen Staat Israel wollten, d. h. keinen Staat, der seine Identität wesentlich aus der jüdischen Religion definiert. Absolut zutreffend sprechen M-W von

"aspects of Israeli democracy that are at odds with core American values. The United States is a liberal democracy where people of any race, religion, or ethnicity are supposed to enjoy equal rights. By contrast, Israel was explicitly founded as a Jewish state". (S. 9)

Es mag zwar sein, dass auch in Israel Staatsbürger "of any race, religion or ethnicity" auf dem Papier die gleichen (?) Rechte haben wie die Juden. Und sicherlich tut sich umgekehrt (nicht nur) die amerikanische Gesellschaft schwer damit, die theoretische Gleichberechtigung in der Realität zu implementieren: Das alles ändert aber nichts daran, dass die Zionisten einen Staat gewollt und aufgebaut haben, in welchem sie gemäß ihrer wesentlich auf religiöser Grundlage definierten, also jüdischen, Identität leben wollten und heute leben. Das schließt nicht aus, dass die in Israel verbliebenen arabischen Einwohner gleiche Rechte, Parteien, Vereine usw. haben. Aber Israel ist nicht "ihr" Staat, nicht ein Staat, dessen Institutionen ihre (religiös, rassisch, 'lokalpatriotisch' oder wie auch immer definierte) 'Identität' (was immer das sein mag) widerspiegelt, bewahrt, fortentwickelt.

Nach keinem allgemein akzeptierten moralischen Kalkül können deutsche Verbrechen gegen Juden es gegenüber den Palästinensern rechtfertigen, dass die Zionisten sich nach Palästina hineingedrängt haben, in einer Zeit, als dieses Land zunächst unter türkischer Herrschaft und anschließend unter britischer Verwaltung stand, und als die Palästinenser das Einsickern der Zionisten nicht verhindern konnten (auch wenn sie es verschiedentlich mit Gewalt versucht haben).

 

Hier liegt der Ursprung und der Kern des Konfliktes, und das kann man, jedenfalls nicht im Bewusstsein der Palästinenser, quasi mit einer Perspektive des umgedrehten Fernglases durch Hinweise auf den Holocaust beiseite wischen. Auch die Tatsache, dass Mohammed Amin al-Husseini, der so genannte "Großmufti" von Jerusalem, mit den Nationalsozialisten zusammengearbeitet hat, wahrscheinlich von dem Völkermord an den Juden Kenntnis hatte und diesen wohl gebilligt hat, macht die Palästinenser nicht zu Mitschuldigen daran.

Ganz abgesehen davon, das er kein demokratisch legitimierter Vertreter der Palästinenser war, hatte er keinerlei Funktion innerhalb der Kausalketten der verschiedenen Holocaust-Aktionen. Weder hat er sie initiiert, noch hat er an der Judenvernichtung Teil genommen.

Überhaupt sind seine Aktivitäten eher unter dem Gesichtspunkt einer stupiden Politmechanik vom Typ "Der Feind meines Feindes ist mein Freund" (wie sie in anderen Zusammenhängen auch die USA zu ihrem eigenen Schaden in Afghanistan praktiziert haben) zu verstehen, denn als Bewunderung für die Nazis.

Die dürften auch die Palästinenser als 'rassisch minderwertig angesehen' haben, so dass es einen ideologischen Gleichklang oder eine echte Freundschaft ohnehin nicht geben konnte.

 

Zu erinnern ist in diesem Zusammenhang auch an die zeitliche Reihenfolge der (sehr viel früher begonnenen) Aktivitäten zur Staatsgründung und des späteren Holocaust. Sicherlich mag das weltweite Erschrecken über den Holocaust das Entstehen Israels als Staat begünstigt haben, und vermutlich gibt es einen Kausalzusammenhang zwischen europäischem Antisemitismus und dem zionistischen Bestreben nach einem Judenstaat. Jedoch kann, was sich ex post als klug (für die ausgewanderten Juden) erwiesen hat, nicht ex ante (und gegenüber den Palästinensern ebenso wenig ex post) moralisch gerechtfertigt werden. Die jüdische Einwanderung mit der Absicht einer Staatsgründung war, unabhängig davon, ob sich die einzelnen Aktivisten dies bewusst gemacht haben oder nicht (und erst recht natürlich unabhängig davon, ob sie das ausgesprochen haben oder nicht) auf die Unterdrückung oder Verdrängung der ansässigen Bevölkerung zumindest in einem Teil des Territoriums angelegt.

Das war den Palästinensern klar, ebenso den Briten und erst recht den jüdischen Terrororganisationen, welche schon vor der Gründung des Staates Israel gegen die Palästinenser (und gegen die Briten) gekämpft haben. Was dort geschehen ist, das "Einsickern" der Zionisten in Palästina mit dem (individuell nicht in jedem Falle notwendiger Weise bewussten) Ziel einer Staatsgründung (die nur zu Lasten der Palästinenser gehen konnte), werte ich als eine Form nicht-kriegerischer Aggression[23] (die später dann, soweit die Palästinenser gewaltsam vertrieben wurden, auch einen kriegerischen Charakter angenommen haben mag).[24]

 

Meine Darstellung könnte den Eindruck erwecken, dass ich das Existenzrecht Israels bestreite. Dazu (auch wenn es mir wenig nützen wird) im Interesse der Vollständigkeit zwei Anmerkungen:

 

1) Meine Perspektive ist weder die eines Israel-Gegners (oder gar Antisemiten), noch die eines Israel-Freundes (oder Philosemiten), sondern die eines Außenstehenden, dessen Staat aber jederzeit in den Nahost-Konflikt verwickelt werden kann. Von dieser Warte aus versuche ich, die Dinge auch aus einem Blickwinkel zu betrachten, wie er sich nach meiner Vermutung für die Palästinenser darstellt, wie sie aber auch nach dem im derzeitigen Diskurs herrschenden Verständnis von Moral und Völkerrecht folgerichtig betrachtet werden müssen.[25]

Wer nicht bereit ist, auch diese Perspektive zu sehen, wird die Problemdimension nicht verstehen und kaum zu einer Lösung beitragen können. Nur eine radikale intellektuelle Redlichkeit kann uns einerseits Unabhängigkeit von den Einflüsterungen und Zumutungen beider Streitparteien sowie Rückhalt und Kraft für die durchzuhaltende Behauptung eines eigenen Standpunktes geben. Und nur sie kann uns andererseits zu kreativen Lösungen inspirieren und unserem Wollen, wenn schon nicht das Wohlwollen der Parteien, dann doch zumindest deren Respekt gewinnen.[26]

 

2) Die andere Seite ist, dass durch eine (ich sage mal möglichst vage:) "Aufhebung" des Staates Israel neues Unrecht in die Welt gesetzt würde. Es hilft ja nichts, den Palästinensern zu dem zu verhelfen, was sie zweifellos als ihr Recht ansehen: Rückkehr der Flüchtlinge im günstigsten, ein Palästina ohne Juden im schlimmsten Falle. Nichts davon bringt das moralische Kalkül wieder ins Lot, und wäre deshalb auch nicht akzeptabel.

 

Mearsheimer-Walt sprechen die Vor-Gründungsphase Israels zwar an:

"The Arab inhabitants did resist the Zionists’ encroachments, which is hardly surprising given that the Zionists were trying to create their own state on Arab lands. The Zionists responded vigorously, and neither side owns the moral high ground during this period" (S. 11/12, Hervorhebung von mir). Aber weit umfangreicher reflektieren sie die moralische Dimension späterer, eher sekundärer Ereignisse:      

 

Man fragt sich, aus welchem Grund Mearsheimer und Walt diese "Fundamentaldimension" des Nahost-Konfliktes nicht in ihrer vollen Schärfe darstellen und statt dessen die moralische Position Israels anhand von sekundären Ereignissen, bei denen die Bewertung, und teilweise sogar die Faktizität, umstritten ist, zu relativieren versuchen.

Insoweit sind -3- Alternativen denkbar:

- Entweder M-W versprechen sich davon eine größere Wirkung beim Publikum. Gebrochene Palästinenserknochen sind halt für das Medienpublikum sehr viel konkreter als (peu a peu) weggenommenes Land.

- Oder sie vermeiden es bewusst, die Entstehung des Staates Israel in den Phasen vor der Staatsgründung als moralisch problematisch zu thematisieren, weil sie in diesem Falle natürlich noch sehr viel stärker, als es ohnehin der Fall ist, erwarten müssten, des Antisemitismus verdächtigt zu werden.

- Obwohl M-W zweifellos ihren Machiavell und hoffentlich auch die Tagebücher von Galeazzo Ciano gelesen haben, halte ich sie dennoch nicht für hinreichend zynisch, um eine der beiden vorgenannten Strategien zu verfolgen. Dies schon deshalb nicht, weil sie Professoren geworden sind, also für die Politik (und deren gelegentlich unvermeidlichen Zynismus) wohl eher weniger geeignet. Ich gehe deshalb von der dritten möglichen Variante aus, dass nämlich M-W die moralischen Schwerpunkte genau in jenen Vorkommnissen sehen, mit denen sie ihre negative Bewertung bzw. Relativierung der israelischen Seite begründen.

 

Allerdings werden auf dieser Ebene die Fakten, und mehr noch deren Bewertung (also insbesondere die Frage, inwieweit Israel als rechtsverletzender Aggressor oder in legitimer Selbstverteidigung handelt) wohl immer umstritten bleiben. Wer sich darauf einlässt, die Auseinandersetzung um die moralische Wertigkeit der israelischen im Vergleich zur palästinensischen Position auf dieser lediglich abgeleiteten Ebene zu führen, riskiert, dass sein Standpunkt in den Augen einer wenig informierten und nicht sonderlich interessierten Öffentlichkeit im Laufe der Diskussion unklar oder gar fragwürdig erscheint. Die Gefahr ist groß, dass man der Lobby Munition für ihre Nebelwerfer liefert, zumal man mit Schilderungen und Bewertungen von Terror und Gegenterror (oder "legitimer Gegenwehr"??) in Israel und den von Israel besetzten Gebieten während der letzten 40 Jahre wahrscheinlich ganze Bibliotheken füllen kann.

 

Nur wer den Mut hat, die Erb- oder Ursünde, die "original sins" oder die "original injustice" Israels, nämlich den Palästinensern ihr Land weggenommen zu haben, mit der gleichen bewundernswerten intellektuellen und moralischen Radikalität zu beschreiben[27], wie das einige amerikanische Juden, die aus ethischen Gründen in Opposition zum Zionismus stehen, auf der Webseite "ifamericansknew" tun[28] ("The Origin of the Palestine-Israel Conflict"), gewinnt eine unzweideutige und kaum angreifbare Position in der ethischen Dimension der Debatte.

 

 

Warum scheiterte der Friedensprozess (Oslo, Camp David)?

Es erscheint sinnvoll, diese Frage mit einer Betrachtung der israelischen Siedlungspolitik zu verbinden. Jedenfalls nach meinem Eindruck als oberflächlicher Zeitungsleser haben die Israelis, während über "Frieden" geredet wurde, durchgängig fleißig jüdische Siedlungen im Westjordanland gebaut.[29]

 

Ami Isseroff, ein Israeli und Zionist (aber kein Hardliner, wie ich sie hier mit dem gelegentlich verwendeten Begriff "zionistische Lobby" zu erfassen suche), behandelt in seinem Aufsatz "Don’t Just Stand There" auf der Webseite MidEastWeb unter "some basic preconditions for meaningful negotiations" u. a. auch die Frage der Siedlungen, und zwar wie folgt:

"Discouraging Settlements and Settler Ideology - Settlements and settler ideology are injurious to peace and to Israeli society. The US [must?] make it much clearer to the Israeli government and public, through repeated statements and through focused economic sanctions, that they will not stand for extensive Israeli annexations in the West Bank and Gaza. Israelis must understand that investing in settlements and settlers is a dead-end investment in a dead-end ideology." [Hervorhebungen von mir] Daraus wird u. a. deutlich, dass nicht nur in den Augen von Mearsheimer und Walt (und zweifellos der Mehrzahl der Europäer) die USA bislang der israelischen Strategie einer Gebietserweiterung durch Siedlungspolitik allzu nachsichtig gegenüber gestanden haben (um es mal sehr zurückhaltend zu formulieren).

 

Mearsheimer-Walt führen zum Thema Friedensprozess (bzw. zur Frage der israelischen Bereitschaft, den Palästinensern "Land gegen Frieden" zu gewähren) u. a. aus:

"... even Prime Minister Yitzhak Rabin, who signed the 1993 Oslo Accords, nonetheless opposed creating a full-fledged Palestinian state. Pressure from extremist violence and the growing Palestinian population has forced subsequent Israeli leaders to disengage from some of the occupied territories and to explore territorial compromise, but no Israeli government has been willing to offer the Palestinians a viable state of their own. Even Prime Minister Ehud Barak’s purportedly generous offer at Camp David in July 2000 would only have given the Palestinians a disarmed and dismembered set of “Bantustans” under de facto Israeli control." (S. 11)

In der zugehörigen Schlussnote 40 (S. 52 oben) informieren M-W die Leser, dass

"Barak himself said after Camp David that 'the Palestinians were promised a continuous piece of sovereign territory except for a razor-thin Israeli wedge running from Jerusalem through from Maale Adumim to the Jordan River,' which effectively would have been under Israel’s control."

 

Umfassende Informationen über die verschiedenen Friedensverhandlungen bringt die (englischsprachige) Wikipedia (die deutschsprachige zum Teil auch). Eine Link-Übersicht enthält der Eintrag "List of Middle East peace proposals". Eine zusammenfassende Darstellung bietet das Stichwort "Peace process in the Israeli-Palestinian conflict".

Außerdem gibt es noch zwei Artikel über die Bewertung des Friedensprozesses durch die beiden Seiten: "Palestinian views of the peace process" und früher "Israeli views of the peace process", wobei der letztere Link aber zu dem Stichwort: "International law and the Arab-Israeli conflict" führt (08/2006).

Die Einzelheiten, was Israel bei den Verhandlungen in Camp David im Jahre 2000 (und bei deren späterer Fortsetzung in Taba) angeboten hat oder nicht, sind umstritten. Fraglich scheint auch, ob Arafat abschlussbereit gewesen wäre, wenn die Israelis das angeboten hätten, was in der öffentlichen Meinung zumindest in Europa und vielleicht auch in den USA wohl als Maximum der Kompromissbereitschaft von Israel verlangt und als Maximum des für die Palästinenser Erreichbaren und legitimer Weise Anzustrebenden angesehen wird, nämlich die Rückkehr zu den Grenzen von 1967. Eine Wiedereingliederung der Masse der palästinensischen Flüchtlinge[30] in Israel wird – aus guten praktischen Gründen, selbst von israelischen "Tauben" ausgeschlossen[31] (wenn auch vielleicht nicht von allen – da habe ich keinen Überblick).

 

Wünschenswert wäre es gewesen, wenn Israel seine Angebote an die Palästinenser öffentlich auf den Tisch gelegt hätte; oder wenn zumindest die US-Regierung bei diesen Verhandlungen die Bereitschaft der Palästinenser ausgelotet hätte, die Grenzen von 1967 – evtl. mit Ausnahme Jerusalems – und eine pragmatische Lösung des Flüchtlingsproblems zu akzeptieren. Man hat den Eindruck, dass die USA das unterlassen haben, weil sie tendenziell eher auf der israelischen Seite standen.

 

Besonders misstrauisch hinsichtlich der israelischen Friedensbereitschaft stimmt mich die Tatsache, dass Israel äußerst reserviert auf einen Vorstoß der arabischen Staaten im Jahre 2002 reagiert hat.

In dem Wikipedia Eintrag zum "Beirut Summit" liest man dazu mit Verwunderung (21.08.06):

"The Beirut Summit was a March, 2002 summit meeting, held in Beirut, Lebanon, between leaders of Arab nations to present plans to defuse the Israeli-Palestinian conflict. It was notable for the adoption, by the Arab states attending, of a proposal offering a comprehensive peace between the Arab nations and Israel, the Arab Peace Initiative.

The proposal, from Saudi Arabia (itself something of a novelty, as the Saudis usually prefer to be less forward on the world diplomatic stage) stated that should Israel:

-       withdraw from all territories occupied since the 1967 Arab-Israeli war,

-       provide a just solution to the Palestinian refugee problem, and

-       recognize the establishment of a sovereign and independent Palestinian state in the West Bank and Gaza Strip

then the Arab countries would in turn recognize Israel, enter into peace agreements with it, and establish normal relations with it.

In response, Israeli Foreign Minister Shimon Peres welcomed it and said: "... the details of every peace plan must be discussed directly between Israel and the Palestinians, and to make this possible, the Palestinian Authority must put an end to terror, the horrifying expression of which we witnessed just last night in Netanya," referring to Netanya suicide attack perpetrated on previous evening which the Beirut Summit has failed to address."

Auch wenn in einem Klima des Terrors Friedensvorschläge innenpolitisch nicht einfach zu "verkaufen" sein mögen, finde ich es ungeheuerlich, dass Israel die Araber derart vor den Kopf gestoßen hat. Denn trotz des "welcomed it" muss die Reaktion (vorausgesetzt, die Wikipedia-Darstellung ist zutreffend) auf die arabischen Politiker, die es ihrerseits sicherlich nicht leicht hatten diese Vorschläge innenpolitisch zu vertreten und die sich insoweit m. E. "weit aus dem Fenster gelehnt" haben, den Arabern als eine empfindliche Brüskierung erschienen sein. Diese israelische Reaktion ist um so befremdlicher, als es ohne die anderen arabischen Staaten keinen Frieden geben kann. Einen großen Teil der Palästina-Flüchtlinge[32] müssten nämlich die arabischen Länder dauerhaft aufnehmen. Leider ist aus dem Wikipedia-Text nicht erkennbar, wie Washington den Beiruter Gipfel kommentiert und ob es Israel zu einer konzilianteren Haltung gedrängt hat. Aber selbst wenn, kann der Druck auf Israel nicht sonderlich groß gewesen sein.

 

 

Siedlungspolitik Israels im Westjordanland

 

In einem Brief der US-Menschenrechtsorganisation „Human Rights Watch“ vom 27.12.2005 an Präsident Bush u. d. T.: „Israel: Expanding Settlements in the Occupied Palestinian Territories" werden u. a. einige Fakten über die aktuelle israelische Siedlungspolitik im Westjordanland präsentiert, die mir jedenfalls nicht bekannt waren[33].

 

Auf der Webseite der Washingtoner "MERIP" (Middle East Research and Information Project, ein tendenziell wohl eher Palästinenser-freundliches Institut) gibt es einen "Primer", eine Basisinformation, u. d. T. "What Are Settlements?". Bemerkenswert aus den dort präsentierten Infos war für mich, dass nicht nur die rechten, sondern auch die linken Regierungen in Israel den Bau von Siedlungen im Westjordanland vorangetrieben haben, und dass "Under the Labor administration of Yitzhak Rabin, settlements grew at a rate unprecedented in Israel's occupation".

[Vgl. auch den MERIP-Aufsatz "Israeli Settlements Illegal and Getting Worse" von Stephanie Koury, ursprünglich erschienen im Topeka Capital-Journal (09/24/05), Northwest Arkansas Times (09/25/05) und bei (was immer das sein mag:) Minuteman Media.]

 

Umfangreiche Informationen (zu umfangreich für mich; ich vermisse – oder habe lediglich nicht gefunden? – eine zusammenfassende Darstellung) bietet die Webseite der "Foundation for Middle East Peace".

Die Entwicklung der Einwohnerzahlen der Siedlungen findet man auch auf der Webseite der "Jewish Virtual Library".

In Israel gibt es eine Reihe von Gruppen, die (wenngleich offenbar eine deutliche Minderheit innerhalb der israelischen Bevölkerung) für substantielle Zugeständnisse Israels beim Erreichen einer friedlichen Lösung eintreten. Eine davon ist das "IPCRI"[34] ("Israel/Palestine Center for Research and Information"). Auf dessen Webseite kritisierte einer der beiden (jeweils paritätisch ein palästinensischer und ein israelischer) "Chief Executive Officer", nämlich der Israeli Gershon Baskin, in einem Aufsatz vom 01.11.2000 die israelische Siedlungspolitik u. d. T. "Negotiating the Settlements. The Success of Right-Wing Political Entrapment Against Peace". Über das (auch von M-W kritisierte) Angebot des israelischen Ministerpräsidenten Barak im Jahre 2000 in Camp David schreibt er:

"In Palestinian eyes, the Barak offer created not islands of Israeli sovereignty but a series of at least three Palestinian “sovereign cages”. There would be no real Palestinian territorial contiguity.  They would not have control and sovereignty on main arteries of transportation." [Hervorhebung von  mir]

Sein Aufsatz schließt mit den Worten:

"The curse of the settlements will cost Israel and Palestine peace – at least for the foreseeable future. ..... One day – perhaps, it will be written that 180,000 Jewish settlers prevented peace for millions of Israelis and Palestinians. How tragic."

 

Man kann allerdings die Möglichkeit nicht gänzlich ausschließen, dass ausgerechnet die Siedlungspolitik, welche wir als Friedenshindernis wahrnehmen, ein Katalysator für den Friedensprozess wird. Indem die Israelis "Siedlungen gegen Frieden" aufgeben müssten, hätten auch sie echte, für die Palästinenser sichtbare Opfer gebracht (wenn auch aus einer Situation heraus, die sie selbst geschaffen haben). Ich glaube zwar nicht, dass das die Intention der verschiedenen israelischen Regierungen war, welche die Anlage jüdischer Siedlungen im Westjordanland geduldet oder gefördert haben. Aus der Sicht der Siedler wäre es blanker Zynismus, wenn sie sich wie disponible Schachfiguren für einen zukünftigen Frieden betrachten müssten. Nicht, dass ich Politiker nicht jeden Grades von Zynismus für fähig hielte; ich halte sie lediglich nicht für hinreichend weitsichtig, bzw. ihren Planungshorizont nicht für hinreichend langfristig, um solche Konsequenzen in ihre Überlegungen einzubeziehen. Aber unabhängig von dem, was die Akteure gedacht und gewollt haben, könnten (in einer freilich innenpolitisch in Israel nur schwer durchsetzbaren "Wende") die Siedlungen eines Tages als nützliche Bauernopfer im Friedensspiel eingesetzt werden bzw. dienen.

 

Tatsächlich sehen auch die Israelis selbst einen (freilich etwas anderen als den oben aufgezeigten) möglichen positiven Zusammenhang zwischen Siedlungen und Friedensbereitschaft der Araber. Dazu ein Zitat aus der Webseite der Jewish Virtual Library (die man wohl als repräsentativ für die israelische Perspektive ansehen darf) über "Settlements":

"Settlement activity may be a stimulus to peace because it forced the Palestinians and other Arabs to reconsider the view that time is on their side. References are frequently made in Arabic writings to how long it took to expel the Crusaders and how it might take a similar length of time to do the same to the Zionists. The growth in the Jewish population in the territories forced the Arabs to question this tenet. 'The Palestinians now realize,' said Bethlehem Mayor Elias Freij, 'that time is now on the side of Israel, which can build settlements and create facts, and that the only way out of this dilemma is face-to-face negotiations'." [Hervorhebung von mir]

Freilich können solche Äußerungen ebenso gut bloß als clevere Rechtfertigungen der Siedlungspolitik vorgetragen worden sein. Dafür spricht der Umstand, dass eine Bereitschaft Israels, sich auf die Grenzen von 1967 zurück zu ziehen, , anscheinend selbst dann nicht vorhanden ist, wenn man Ost-Jerusalem ausnehmen würde. In dem zitierten Text "Facts About Settlements" der Jewish Virtual Library lesen wir nämlich auch, dass

"It is inconceivable that Israel would evacuate large cities such as Ariel, with a population of more than 20,000, even after a peace agreement with the Palestinians ..." und

"Those [settlements] closest to the 1967 border, and especially those surrounding Jerusalem, however, are generally regarded as justified on a variety of grounds and are likely to be incorporated within the ultimate boundary of Israel." [Hervorhebung von mir]

 

Die Meinung von Mearsheimer und Walt zur israelischen Siedlungspolitik drückt sich z. B. in einem Satz wie diesem aus:

There is a moral dimension here as well. Thanks to the Lobby, the United States has become the de facto enabler of Israeli expansion in the occupied territories, making it complicit in the crimes perpetrated against the Palestinians. (S. 41). [Hervorhebung von mir]

Auch wenn ich Zweifel daran hege, dass die zionistische Lobby in den USA einen wesentlichen (direkten) Anteil an dem Entschluss zur Besetzung des Irak gehabt hat: dass Israel seine Kolonisierungspolitk im Westjordanland nicht ohne die massive politische und finanzielle Unterstützung der USA durchführen könnte, halte ich für ausgemacht. Und dass die verschiedenen US-Regierungen eine ausgewogenere Haltung einnehmen würden, wenn nicht die Lobby auf diesen Aspekt der amerikanischen Nahostpolitik einen starken Einfluss hätte, scheint mir gleichfalls sicher.[35]

 

 

Eine palästinensische Stimme (von der Webseite "The Electronic Intifada") zu den jüdischen Siedlungen im Westjordanland: "Violence, settlements and peace", von Ali Abunimah, ursprünglich erschienen in "The Chicago Tribune" vom 06.06.2003, meint zur Siedlungspolitik u. a.:

"By defining a few of its smaller West Bank and Gaza settlements as "unauthorized" according to Israeli law, Israel hopes to distract attention from the major construction that is going ahead, and convey the impression that the vast majority of the settlements are somehow "legal" and therefore not a key issue."

Einen derartigen Eindruck muss man in der Tat gewinnen, wenn man sich die Siedlungspolitik der israelischen Regierungen jeglicher Couleur anschaut.

 

Ein deutscher Experte, Prof. Dr. Udo Steinbach, Direktor des Deutschen Orient-Instituts (Hamburg), erläutert in seinem Aufsatz "Die islamische Welt und der internationale Terrorismus" (S. 28ff. in dieser pdf-Publikation der Evangelischen Akademie Tutzing aus dem Jahre 2004) die Hintergründe des Islamistischen Terrors gegen den Westen. Auch er sieht, genau wie John J. Mearsheimer und Stephen M. Walt in dem Nahost-Konflikt (bzw. ganz spezifisch in der Intransigenz Israels und der unausgewogenen US-Politik) eine wesentliche Ursache für die Konfrontation:

"Die fortgesetzte israelische Siedlungspolitik und Landnahme; die anhaltenden Schikanen gegenüber der palästinensischen Bevölkerung und die Weigerung der internationalen Gemeinschaft insgesamt, sich für eine »gerechte« Lösung mit Nachdruck einzusetzen, haben weithin den Eindruck einer Verschwörung gegen »die Araber« hervorgerufen. ........

Die Fortsetzung der Besiedlung in Palästina trotz eines »Friedensprozesses«, die unausgesetzten Schikanen der israelischen Militärs in den besetzten Gebieten sowie schließlich die von arabischen Sendern weitesthin verbreiteten Bilder der brutalen israelischen Antwort auf die Terrorattentate haben die Stimmung verschärft. .....

Die Widersprüche amerikanischer Politik - nicht zuletzt in Palästina - und der Aufmarsch zur Absetzung des diktatorischen Regimes in Bagdad, das bei aller Brutalität mit dem Terror von al-Qa‘ida nicht in Verbindung gebracht werden konnte, haben in weitesten Teilen der islamischen Welt die Wahrnehmung genährt, es gehe um etwas anderes als den Kampf gegen den Terror. Nicht zuletzt angesichts der Unwilligkeit des amerikanischen Präsidenten, der israelischen Besatzungsarmee in Palästina in den Arm zu fallen, sind die Stimmen derer lauter geworden, die in der amerikanischen Agenda einen »Kampf gegen den Islam« sehen." [36] [Hervorhebungen von mir]

 

 

 

Zum Wirken der Lobby[37]

 

"One of the most difficult, if not impossible, tasks in the realm of political or social sciences, which are anything but scientific, is to logically demonstrate a point" schreibt Gilles d'Aymery in seiner Buchbesprechung (Teil II vom 10.05.2004) des Aufsatzbandes "The Politics Of Anti-Semitism", herausgegeben von Alexander Cockburn & Jeffrey St. Clair (2003).

 

Recht hat er; aber wenn man sich mit dieser Einsicht zufrieden gibt, und die Hände in den Schoß legt, hat natürlich die Lobby gänzlich freies Feld.

 

Zunächst einmal ist es in gewisser Hinsicht irreführend, wenn man die verschiedenen Einflussnahmen von Partikularinteressen ("special interest groups") auf die Politik ohne weitere Unterscheidung einfach unter dem Begriff "Lobby" subsummiert. Für den vorliegenden Zusammenhang zeigt sich, dass mindestens -2- Arten von "Lobby" unterschieden werden müssen, nämlich

 

- Eine (mehr oder weniger) rein professionelle (meist auf die Förderung wirtschaftlicher Interessen gerichtete) Lobby, die (im Großen und Ganzen) nur von den finanziellen Mitteln der dahinter stehenden Interessen lebt, einerseits (Beispiele: Öl-Lobby, Pharma-Lobby, Lobby der Kriegswaffenproduzenten usw.). Der Vorteil dieser Art Lobby im politischen Spiel ist, dass sie sich weitgehend auf das Wirken in den Hinterzimmern der Macht beschränken kann[38]. Wenn also die Öl-Firmen eine Irak-Invasion wollen, werden sie keine Anzeigen- und Kommentarkampagnen dafür fahren, sondern die Entscheidungsträger im stillen Kämmerlein beknien. Dieser 'Vorteil' ist zugleich aber auch eine Schwäche: in aller Regel kann diese Art von Lobby keine Demonstranten und Wähler mobilisieren, und nicht einmal Arbeitnehmer von Waffenfabriken würden z. B. für den Irak-Krieg demonstrieren.

 

- Der 'Profilobby' steht andererseits jene Art von Lobby gegenüber, die auch ohne "Lobby" im engeren Sinne existieren würde: Schusswaffenfreunde (NRA – National Rifle Association), Rentner (AARP - American Association of Retired Persons) usw. Selbst wenn die in diesen Zusammenhängen von der Gesetzgebung betroffenen Personen keine organisierte Lobby in Washington hätten, würden viele davon bei einer Wahlentscheidung oder bei Zuwendungen an Politiker natürlich darauf achten, was diese in der Vergangenheit für ihre Interessen getan haben und was sie ihnen für die Zukunft versprechen. Faute de mieux[39] setze ich hierfür mal den Begriff 'Massenlobby' ein. Diese Art von Lobby muss natürlich ihre Ziele öffentlich machen und in der Öffentlichkeit offensiv vertreten.

 

Partikularinteressen, die im Prinzip auch ohne eine "Lobby" i. e. S. vorstellbar (aber mit einer solchen natürlich politisch erheblich schlagkräftiger) sind, dürften in aller Regel weitaus wirkungsmächtiger sein als rein professionelle Lobbys. Es ist deshalb schon vom Grundsätzlichen wenig überzeugend, wenn verschiedentlich in der Argumentation gegen Mearsheimer und Walt der Eindruck erweckt wird, als ob die Öl-Lobby oder die Lobby der Kriegswaffenproduzenten von ihren Wirkmöglichkeiten her ohne weiteres mit der zionistischen Lobby vergleichbar oder wegen des größeren Einsatzes an finanziellen Mitteln überlegen sei. Das heißt zwar nicht, dass z. B. die Entscheidung für den Irak-Krieg auf Drängen der zionistischen Lobby und nicht etwa wegen der Öl-Interessen erfolgt sein muss. Es bedeutet aber z. B., dass das bloße Vorhandensein einer Öl-Lobby und die Tatsache, dass es im Irak große Erdölfelder gibt, noch lange kein Beweis für die Dominanz der Ölinteressen bei der Kriegsentscheidung ist. Oder anders gesagt: der rein abstrakte Hinweis auf die Existenz und die möglicher Weise gleich gerichteten Interessen anderer Lobbys an einer bestimmten Politik ist kein Beweis dafür, dass diese anderen Lobbygruppen, und nicht die zionistische Lobby (zusammen mit Neocons und christlichen Zionisten), eine bestimmte politische Maßnahme herbei geführt hat.

 

Im übrigen muss man, immer noch im Rahmen einer ganz allgemeinen logischen Übersicht der denkbaren Wirkzusammenhänge zwischen Lobbys und Politik, die Möglichkeit eines Zusammenwirkens verschiedener Interessen und verschiedener Lobbys zu einem bestimmten Ergebnis im Auge behalten. Dieses Zusammenwirken kann gleichgerichtet sein; theoretisch kann aber ein bestimmtes Ergebnis auch die Resultierende von "Vektorkräften" sein, die in verschiedene Richtungen arbeiten.

 

Für den vorliegenden Zusammenhang erscheint es mir zweckmäßig, mindestens -3- Dimensionen bei der Beurteilung der zionistischen Lobby (bzw. bei Ziff. 1 + 2 auch der anderen Lobbys) zu unterscheiden, nämlich

 

1) eine (wie auch immer zu bestimmende) "objektive" Stärke.

Zur objektiven Stärke der Lobby liefern M-W eine besonders gelungene gewissermaßen ‚polit-mathematische’ Beschreibung der Entscheidungsprozesse in einer Demokratie in dem Passus:

The US form of government offers activists many ways of influencing the policy process. Interest groups can lobby elected representatives and members of the executive branch, make campaign contributions, vote in elections, try to mould public opinion etc. They enjoy a disproportionate amount of influence when they are committed to an issue to which the bulk of the population is indifferent. Policymakers will tend to accommodate those who care about the issue, even if their numbers are small, confident that the rest of the population will not penalise them for doing so.(Dieses Zitat aus der 'volkstümlichen' Fassung ihrer Studie in der London Review of Books; Entsprechendes steht in der Studie selbst auf S. 16 oben.)

 

2) Die Einschätzung der Lobbywirkung durch diese selbst bzw. deren Eigendarstellung sowie schließlich, nur für den vorliegenden Zusammenhang,

 

3) die Frage, wieso (nicht nur!) M-W die Macht der zionistischen Lobby als bestimmenden Faktor in der US-Nah- und Mittelost-Außenpolitik wahrgenommen haben. (Dieser Punkt vor dem Hintergrund von tatsächlichen und/oder denkbaren Einwänden, dass die Lobby gar nicht existiert, oder dass sie nicht so wirkungsstark sei wie angenommen, oder nicht den Irak-Krieg usw. propagiert habe.)

 

 

Allerdings werden zur Macht der Lobby nicht nur von dieser selbst auch gegenteilige Meinungen geäußert. Ein Beispiel ist der Aufsatz von Stephen è Zunes, "The Israel Lobby: How Powerful is it Really?“ in der Zeitschrift "Foreign Policy in Focus" vom 16.05.2006. Zunes trägt dort eine Reihe von Gründen vor, die gegen die Annahme einer derart starken Rolle der Lobby sprechen, wie sie M-W unterstellen.

 

Als Außenstehender und ohne eine tiefe Kenntnis der Entscheidungsprozesse und Einflussmöglichkeiten in der US-Politik kann ich die Zusammenhänge nicht im Detail analysieren und bewerten. Indes muss man, nach dem Grundsatz "Wo Rauch ist, ist auch Feuer", beispielsweise aus der relativen Gleichgültigkeit der US-Politik gegenüber massiven israelischen Menschenrechtsverletzungen und gegenüber der eindeutig völkerrechtswidrigen und provokativen israelischen Siedlungspolitik im Westjordanland den Schluss ziehen, dass diese an sich unverständliche Passivität, welche die Glaubwürdigkeit der amerikanischen Außenpolitik (nicht nur) in den Augen der arabischen Welt erheblich beeinträchtigt, dem erfolgreichen innenpolitischen Wirken der zionistischen Lobby zu verdanken ist.

 

Logisch schlüssig attackiert ein gewisser Hussein Ibish, anscheinend ein Amerikaner arabischen Ursprungs, u. d. T. "Is Arab-American irrelevance our goal?" (der Artikel ist unten in diesem Blog wiedergegeben, weil er an seinem ursprünglichen Erscheinungsort nur für Abonnenten zugänglich ist) den Widerspruch zwischen der eigenen Einschätzung der zionistischen Lobby bezüglich ihrer Effektivität und ihrer nunmehr gegen M-W ins Feld geführten angeblichen relativen Wirkungslosigkeit:

"The preposterous argument offered by some pro-Israel commentators is that hundreds of millions of dollars, innumerable man-hours and relentless organizing at every level of society, over many decades, has had no significant role in producing the staunchly Israel-centric American policies of recent years - allegedly no more than natural expressions of Americans' love of Israel. An insult to one's intelligence, this proposition holds that the intended effect was not produced by its putative cause.

If this were true, then the American Israel Public Affairs Committee (AIPAC) is not a great political force but a remarkable fraud and confidence trick: millions of unsuspecting Jewish Americans and their friends have been bilked by unscrupulous grifters continuously begging for money on the false pretense that it is needed to consolidate the U.S.-Israel relationship. Call the cops!" [40]

[Hervorhebungen von mir]

 

 

"Split Loyalties"?

Bindungen an -2- "Vaterländer" zu haben, ist für sich genommen nichts Verwerfliches. Durchaus vorstellbar ist, dass gerade dieses Bewusstsein der unterschiedlichen Wurzeln im Gegenteil eine Bereicherung für die amerikanische Kultur darstellt. Es ist z. B. auch in keiner Weise verwerflich, wenn etwa die Kurden hier bei uns versuchen, Deutschland auf ihre Seite zu ziehen und zu Schritten gegen die Unterdrückung ihrer Volksgruppe in der Türkei zu bewegen. Erst dann, wenn Bürger kurdischer Abstammung eine massive Schädigung vitaler deutscher Interessen durch solche Maßnahmen wissentlich herbeiführen oder billigend in Kauf nehmen würden, wäre eine Grenze erreicht und überschritten, wo man über Verbote usw. nachdenken müsste. Eine bewusste Agitation gegen die US-Interessen wird jedoch von Mearsheimer und Walt nicht einmal dem jüdischen Teil der Pro-Israel-Lobby unterstellt, und den Neo-Konservativen und christlichen Zionisten natürlich erst Recht nicht.[41] Aber das versuchen die Gegner von M-W natürlich in einem anderen Licht erscheinen zu lassen.

 

Dabei war die Diskussion um die Lobby und um mögliche gespaltene Loyalitäten bereits lange vor der Studie von M-W aufgeflackert. Schon z. B. in der Ausgabe vom 03.09.2004 des Newsletters "CounterPunch" hatte Stephen Green u. d. T. "Serving Two Flags. The Bush Neo-Cons and Israel" die Bindungen einer Reihe von Personen, welche auch von M-W "der Lobby" zugerechnet werden (Dougls Feith, Michael Ledeen, Richard Perle, Paul Wolfowitz), zu Israel untersucht. Er schließt seine Ausführungen wie folgt:

"Many individuals with strong attachments to foreign countries have served the U.S. Government with honor and distinction, and will certainly do so in the future. The highest officials in our executive and legislative branches should, however, take great care when appointments are made to posts involving sensitive national security matters. Appointees should be rejected who have demonstrated, in their previous government service, a willingness to sacrifice U.S. national security interests for those of another country, or an inability to distinguish one from the other." [Hervorhebung von mir.][42]

 

 

US-Interessen

Diese objektiv zu bestimmen, ist natürlich eines der Kernprobleme bei der Bewertung des Wirkens der Lobby. Die weitere Frage ist dann allerdings, wie die US-Regierung die Interessenlage beurteilt und welche politischen und militärischen Maßnahmen welchem konkreten Interessenverständnis der Regierung entspringen bzw. schlüssig zugeordnet werden können.

Eindeutig objektiv erkennbar ist das Interesse an einer dauerhaften Ölversorgung zu möglichst günstigen Preisen.[43] Daraus folgt allerdings nicht zwingend, dass z. B. der Einmarsch in den Irak unmittelbar der Sicherung der dortigen Ölquellen für die US-Versorgung dienen sollten.

Und erst recht kann man sich über eine mehr globale Lagebeurteilung trefflich streiten, insbesondere was den Zeithorizont und die Kausalitäten angeht: hält Israel die arabischen Staaten als regionaler Wachhund der USA im Zaum – oder reizt es die Araber dermaßen auf, dass die Amerikaner als Nibelungenbrüder der Israelis wahrgenommen und entsprechend tief in den Konflikt hineingerissen werden? Und welche Funktion hat Israel ggf. aus der Sicht der Entscheider in der US-Regierung für die Wahrung bzw. Durchsetzung amerikanischer Interessen im Nahen Osten?

 

Überhaupt steht schon am Anfang der Analyse die Frage, wie die Fragestellung (wenn man von einer Nicht-Übereinstimmung der 'wahren' amerikanischen Interessen mit den von der israelischen Regierung formulierten israelischen Interessen[44] ausgeht) überhaupt richtig anzupacken ist: handeln die USA aus lauterer Liebe zu Israel oder hat die Lobby die politischen Kompassnadeln der US-Regierung (und der amerikanischen Öffentlichkeit) in eine falsche Richtung umgepolt, so dass die Interessen Israels (d. h. in der Form, wie sie von der israelischen Regierung verstanden werden) fälschlich als eigene Interessen wahrgenommen werden?

Mir scheint, dass Mearsheimer und Walt eher von letzterem Szenario ausgehen. Dieses lässt übrigens durchaus die Möglichkeit offen, dass die Lobby oder Teile davon "bona fide" handeln mögen, wenn sie die Interessen Israels mit denen der USA – weitgehend – gleich setzen. Die Lobby oder viele oder die meisten oder fast alle oder – denkmöglich – sogar alle 'Mitglieder' (auf jeden Fall aber – aus unterschiedlichen Gründen - die Neokonservativen und die christlichen Zionisten) mögen davon ausgehen, dass es im Interesse der USA liegt, die expansionistische Politik Israels nicht zu bremsen und im Ergebnis finanziell und politisch sogar zu unterstützen. Das entlastet sie subjektiv von einem denkbaren (von M-W aber gar nicht erhobenen!) Vorwurf des "Vaterlandsverrats". Objektiv ändert es natürlich nichts daran, dass alle jene, welche Amerikas Interessenlage anders sehen, berechtigt sind, "die Lobby" zu bekämpfen.

 

 

Irak 2003: The WHATFORWAR oder die UMZUWAS-INVASION[45]

Es waren nicht Mearsheimer und Walt, welche die Debatte darüber losgetreten haben, ob und ggf. in welchem Umfang der Einmarsch in den Irak (auch) durch israelische Interessen(vertretungen) ausgelöst wurde.[46] Bei M-W bekommt sie jedoch ein besonderes Gewicht und nimmt einen ziemlich breiten Raum ein:

 

"Pressure from Israel and the Lobby was not the only factor behind the U.S. decision to attack Iraq in March 2003, but it was a critical element": mit diesem Satz leiten Mearsheimer und Walt ihr Kapitel "The Lobby and the Iraq War" ein (S. 31; Hervorhebung von mir). Es beginnt auf S. 31 und endet auf S. 38 (von insgesamt 42 Textseiten). Daran, wie auch an der Zahl der Erwähnungen (jeweils einschließlich der abgeleiteten Wortformen) von "Iraq" usw., nämlich 147 (zum Vergleich: "Syria" usw. = 82; "Iran" usw. = 76) sieht man, dass der aktuelle Anlass des Irak-Krieges der vorrangige Gegenstand der Überlegungen von M-W war. (Die Begriffe "Israel" usw. treten naturgemäß noch häufiger in Erscheinung, nämlich 706 mal).

 

Der Abschnitt über die Vorgeschichte des Irak-Krieges schließt mit den Worten

"... there is little doubt that Israel and the Lobby were key factors in shaping the decision for war. Without the Lobby’s efforts, the United States would have been far less likely to have gone to war in March 2003" (S. 38, Hervorhebung von mir).

 

Diese äußerst sorgfältige Wortwahl von M-W sollte beachten, wer wirklich am Inhalt und Sinn der Studie der Professoren Mearsheimer und Walt interessiert ist. M-W sagen nicht, dass "Israel [oder die Lobby] die USA in den Irak-Krieg getrieben" hat. Ebenso wenig behaupten sie, dass die Lobby der allein bestimmende Faktor für den Entschluss zur Irak-Invasion war. Sie behaupten nicht einmal, dass die Lobby "the" critical element in diesem Prozess gewesen sei, sondern bezeichnen sie als "a" critical element.

Wenn man gelesen hat, wie zionistische Hardliner sich (in anderen Zusammenhängen) am Vorhandensein oder Fehlen des bestimmten Artikels hochziehen[47], wundert man sich (oder auch nicht), dass einige gegnerische Exegeten der Studie von M-W jenen Behauptungen unterschieben, die sie gar nicht aufgestellt haben (vgl. z. B. . Prof. Alan è Dershowitz).

 

Kehren wir indes zu den Formulierungen von Mearsheimer und Walt zurück. Die stellen auf das Entscheidende ab, und das ist nicht die (ohnehin – zumindest derzeit – nicht zu beantwortende) Frage, ob "(in erster Linie) die Lobby die USA in den Krieg getrieben hat", sondern:

"Wären die USA ohne das Wirken der Lobby in den Irak einmarschiert?"

 

Eine solche Formulierung lässt, wie es bei einer um Präzision bemühten Aussage auf diesem Feld auch nicht anders sein kann, eine große Bandbreite von Möglichkeiten offen. Die zionistische Lobby könnte also (wenn denn der Anteil als quantifizierbar gedacht wird) mit 5% oder mit 95% für die Invasionsentscheidung verantwortlich angesehen werden.

 

Nicht übersehen werden darf auch die klare Aussage von M-W (die damit auch eine Grenze der Lobby-Macht aufzeigen), dass erst durch den Anschlag der Al-Qaida, also der Anhänger von Osama Bin Laden, auf das World Trade Center ("Twin Towers") in New York vom 11.09.2001[48] die politischen Voraussetzungen für den Irak-Krieg geschaffen wurden ("As important as the neoconservatives were for making the Iraq war happen, they needed help to achieve their aim. That help arrived with 9/11. Specifically, the events of that fateful day led Bush and Cheney to reverse course and become strong proponents of a preventive war to topple Saddam" – S. 32). [49]

 

 

Mit der These von Mearsheimer und Walt, dass "the war was motivated in good part by a desire to make Israel more secure" (S. 30), habe ich (im Ergebnis genau wie Stephen èZunes, wenn auch nicht unbedingt aus den gleichen Gründen) allerdings ganz erhebliche Probleme. So weit geht die Liebe der US-Regierung und der US-Abgeordneten zu Israel wohl doch nicht, dass die ihr eigenes Land in einen äußerst kostspieligen und im Ausland wie auch (damals zwar noch nicht, aber doch schon damals vorhersehbar zunehmend in der Zukunft) im Innern unpopulären Krieg stürzen, nur um Israel sicher zu machen.

 

Ganz unstreitig (vermutlich auch bei M-W) dürfte, was die Irak-Invasion der USA angeht, die Feststellung sein, dass es – Israel und zionistische Lobby hin oder her - keinen amerikanischen Einmarsch in den Irak gegeben hätte, wenn es in jener Gegend kein Öl gäbe.

Ebenso hätte es 1991 keinen Golfkrieg ("2. Golfkrieg") gegeben, wenn Kuwait nur ein Stück Wüste wäre.

 

Die Operation "Desert Storm" zur Befreiung Kuwaits im Jahre 1991 war allerdings, im Unterschied zum Irak-Krieg (auch als 3. Golfkrieg bezeichnet) ein "sauberer" Krieg. An dieser Stelle verwende ich freilich den Begriff "sauber" nicht im moralischen, sondern im Sinne von "sauber" erkennbaren Ursachen.[50] Insoweit kann man natürlich auch den 2. Weltkrieg als einen "sauberen" Krieg bezeichnen: man weiß, wer ihn angefangen hat, und worum es diesem ging. Schon vom ersten Weltkrieg gilt das nicht: dessen Ursachen sind (von den vordergründigen Ereignissen, die unmittelbar zum Krieg geführt haben, abgesehen) sehr viel unklarer und werden entsprechend kontrovers diskutiert.

 

Wir müssen uns wohl von der schlichten Vorstellung verabschieden, dass man Kriegsgründe immer nach dem sauberen Whodunit-Muster des 2. Weltkriegs erklären kann. Bevor ich von der Studie von Mearsheimer und Walt erfuhr, und mich nun mit deren Echo in der öffentlichen Meinung (soweit sie im Internet Spuren hinterlassen hat) auseinandersetze, hatte ich mich ziemlich tief in die Kriegsursachenfrage für die US-Invasion in Panama im Dezember 1989 eingelesen.[51] Die Invasion in Panama hatte den hübschen Namen „Operation Just Cause“. Daraus haben Spötter in der Regierungsverwaltung eine „Operation just because“ gemacht, einen „Warum-Darum-Krieg“, wie man übersetzen könnte, oder eine Umzuwas-Intervention. Im Falle Panamas teile ich die Meinung von Peter M. Sanchez („The End of Hegemony?), dass es im Grunde („nur“) um eine Machtdemonstration ging. Der panamesische Machthaber Manuel Noriega hatte den Konflikt mit den USA (gegen die er eigentlich gar nichts hatte) innenpolitisch instrumentalisiert, um seine schwache und ständig abbröckelnde Machtbasis so gut wie möglich zu sichern. Das konnten die USA, zumal in Panama, nicht hinnehmen.

 

Und ebenso dürfte es bei Saddam Hussein u. a. dessen „defiance“ (= "Missachtung, Trotz": ein schon für sich bezeichnender Begriff, weil er das Verhalten der anderen bereits auf der Basis eines Machtgefälles definiert) gewesen sein, welche die USA nicht länger hinnehmen zu können glaubten.[52] Allerdings hatte ich – wie wohl die meisten anderen Beobachter – den Eindruck, dass es bei dem Irak-Krieg (auch dem jetzigen) in allererster Linie um Öl ging (was nicht heißen muss, dass die Lobby der Ölkonzerne für den Einmarsch gewirkt hat!)