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RENTENREICH |
LE CHIEN QUI LIT (Deutsch: "Der Hund kann lesen") |
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Es
kommt ein Schiff beladen – zur Rentenreichsregatta. Ob nur bis an den höchsten
Bord, oder schon deutlich darüber hinaus: das muss ich der Beurteilung der
Leser überlassen.
Trotz
allem fehlt noch mancher Container, während andere vielleicht versehentlich
doppelt auf's Deck gehievt wurden. Nicht alle sind so ordentlich ausgerichtet,
wie sie der Schauermann seinen Lesepassagieren gern präsentiert hätte.
Doch
bin ich der unendlichen Geschichte für's erste überdrüssig. Wer niemals Leine
zieht, legt nie ab, und lieber Fliegender Holländer spielen, als ewig im Hafen
liegen! Neue Fracht mag später geladen, neue Ordnung während der Reise
geschaffen werden (dafür die Datumsangabe des jeweils aktuellen Textstandes).
Zum
Abschied schmettert der Chor der Systemgefangenen das "Va pensiero
...". Meine Gedanken beschleunigen indes nicht mit goldenen Flügeln als
Tragflächenboot der Hoffnung. Sie dümpeln in der Schaluppe der Skepsis durchs
Wattemeer der Worte. Doch würde ich mir wenigstens wünschen, dass sie als
Flügelschläge eines Schmetterlings frische Brisen in die Segel der Debatte
wehen.
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Erstmals eingestellt am
19.04.04; vorlieg. Textstand vom 01.08.2010
Inhaltsverzeichnis, Auszug (vollst. Vz. am Schluss)
There is, of course, an English
Abstract at the end of the text. Readers with English as their mother tongue
might perceive it as not overly elegant, but, alas, it's the best I can do
right now.
MISSION IMPOSSIBLE?
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Talvolta, Come il cane è, Non come la pecora è. |
(è) 'Atlas Shrugged è
oder 'Das Volk schüttelt die Kinderlast ab'.
1. Die Diskussion um die Rentensicherung (Altersrente – old age pension, retirement pension -; außerdem Hinterbliebenenrente und Invalidenrente) in Deutschland hat ihren Ausgangspunkt insbesondere in dem vorhersehbaren absoluten und relativen Rückgang unserer Erwerbsbevölkerung (was in unterschiedlichem Maße auch für Japan und die anderen Industrieländer zutrifft). Aufgrund des starken Rückgangs der Geburtenrate einerseits sowie einer gestiegenen und wahrscheinlich auch zukünftig noch (etwas) steigenden Lebenserwartung andererseits müssen immer weniger Arbeitende (nachfolgend auch „Junge“ oder "Aktive" genannt) immer mehr Rentner („Alte“) versorgen ('demographische Änderung'). Zwar gibt es noch eine Reihe anderer Probleme, wie z. B. die gestiegene Arbeitslosigkeit, Tendenzen zur Auflösung des Normalarbeitsverhältnisses, Ausweitung des Kreises der Anspruchsberechtigten u. a. durch Zuwanderung aus den ehemaligen Ostblockländern und durch die Wiedervereinigung[4]. Dabei handelt es sich aber (vielleicht/hoffentlich) um vorübergehende bzw. mehr oder weniger im Rahmen des üblichen politischen Handelns lösbare, gewissermaßen 'technische' Schwierigkeiten. Das Hauptproblem dürfte tatsächlich die sinkende Geburtenrate sein bzw. in absehbarer Zeit werden. Die einschlägigen Vorausberechnungen variieren, doch ist es denkbar, dass um das Jahr 2040 herum ein Rentner auf einen Erwerbstätigen kommt, statt ungefähr ein Rentner auf zwei Erwerbstätige um das Jahr 2000. Bei gleich bleibendem relativen Rentenniveau könnte sich mithin die Beitragslast der Erwerbstätigen für die Rentenversicherung in 30 – 40 Jahren etwa verdoppeln. Dazu kommen noch die Kosten = Beiträge für die Kranken- und Pflegeversicherung, die wegen der größeren Krankheitsanfälligkeit und Pflegebedürftigkeit der Alten aller Voraussicht nach sogar überproportional steigen werden.
2. Die Rentner erwarten, dass ihre Rente auch in Zukunft 'sicher' sein soll. Die Aktiven erwarten, dass sie mit den Zahlungen an die Alten 'nicht überfordert' werden. Bevor die deutsche Politik mit der Einführung der sog. „Riester-Rente“ eine Richtungsentscheidung getroffen hat, gab es heiße Debatten mit zahlreichen Lösungsvorschlägen. Wer die Stichworte 'Kapitaldeckungsverfahren' [nachfolgend auch: KDV; engl.: 'funded(-pension-) system'] und 'Umlageverfahren' [nachfolgend auch: UV; engl.: PAYGO oder 'pay-as-you-go(-pension)-system', auch 'unfunded (pension-) system'] zusammen in eine Suchmaschine eingibt, erhält eine Vielzahl von oft brillanten Aufsätzen. Aufgrund der Prominenz seiner Verfasser ebenso wie der klaren Gliederung, des hoffnungsfrohen Lösungsvorschlages und nicht zuletzt des politischen Erfolges sticht darunter das Gutachten "Grundlegende Reform der Gesetzlichen Rentenversicherung" [==> (BMWA, ex BMWi) oder ==> (Uni Magdeburg)] hervor. Erstellt hat es der Wissenschaftliche Beirat (nachfolgend auch: 'WB') beim Bundesministerium für Wirtschaft (BMWi; heute Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit – BMWA) Anfang 1998[5]. Publiziert wurde es im April 1998 als Nr. 99 der "Studienreihe des BMWi". Ich gehe davon aus[6], dass dieses von 33 führenden deutschen Wirtschaftswissenschaftlern abgesegnete Gutachten (è) einen wesentlichen Anteil an der Einführung der sog. 'Riester-Rente' als Einstieg in das Kapitaldeckungsverfahren hatte[7]. Dieses "Gutachten konzentriert sich auf das demographische Problem der Alterssicherung" (Ziff. 6[8]).
3. Die Grundidee der Wissenschaftler ist es, durch eine Umstellung der Rentenfinanzierung das Sozialprodukt stärker zu erhöhen, als dies sonst der Fall wäre[9]. Dieses Ziel soll einerseits durch eine Steigerung der Investitionen im Inland erreicht werden. 'Ideengeber' war insoweit der Mitautor Prof. Dr. Hans-Werner Sinn (vgl. dessen Aufsatz Pension Reform and Demographic Crisis: Why a Funded System is Needed and Why it is not Needed" (è) vom September 1999[10], in welchem der internationalen Wissenschafts-Community die einschlägige Argumentation auf Englisch präsentiert wird). Zusätzlich zur Kapitalanlage im Inland sollen die Rentenbeiträge teilweise auch im Ausland investiert werden.
4. Auf
der politischen Ebene ist die Diskussion um die sog. kapitalgedeckte
Rentensicherung bereits gelaufen. Mit der 'Riester-Rente' hat der Gesetzgeber
den Einstieg in das Kapitaldeckungsverfahren als – zunächst ergänzende und
freiwillige - Finanzierungsform der Altersvorsorge (è)
verfügt. Die Zielsetzung des Gutachtens ist damit im Ansatz realisiert:
Beispiel für eine wissenschaftliche Politikberatung, deren Vorschläge
tatsächlich vom Gesetzgeber umgesetzt wurden[11].
Damit hat eine Entwicklung begonnen, die zukünftig wahrscheinlich immer mehr
zur Schwächung unseres herkömmlichen Umlageverfahrens führen und an deren Ende
– irgendwann – vielleicht sogar der völlige Umstieg auf das
Kapitaldeckungsverfahren stehen wird. Macht es da überhaupt noch Sinn, das
Thema auf- und speziell das Gutachten anzugreifen, oder stelle ich nur als
Sandkastenstratege alte Schlachten nach[12]?
5. Mein persönliches Interesse an der Problematik wurde durch die brillanten Kolumnen des allzu früh verstorbenen Professor Wolfram Engels in der Wirtschaftswoche generiert. Gerechtigkeit für die Eltern lag Engels – als Wirtschaftswissenschaftler, aber wohl auch persönlich als Vater – sehr am Herzen. Andererseits trat er (was sich auch nicht zwangsläufig ausschließt) dafür ein, die Renten im Wege des KDV zu finanzieren.
6. Das Gutachten präsentiert sich jedenfalls in formaler Hinsicht[13] als eine wissenschaftliche Analyse. Im Gegensatz zu manchen anderen Beiträgen zum Thema kann man den Gutachtern weder die ehrliche (und zweifellos berechtigte) Sorge um die zukünftige Entwicklung absprechen, noch den hohen formalen Standard ihrer Arbeit. Die Transparenz ihrer Argumentation erleichtert freilich auch dem Kritiker die Arbeit[14].
7. Ich
werde nicht alle Argumente wiederholen, die in der Auseinandersetzung der
Anhänger des Umlageverfahrens und des Kapitaldeckungsverfahrens vielfältig
vorgetragen wurden. Vielmehr möchte ich gewissermaßen Probebohrungen nicht nur
in das vermeintliche Schlaraffenland (è)
des KDV, sondern auch in das umgebende Muttergestein niederbringen und zwar
hauptsächlich in drei Richtungen:
- innere Stimmigkeit der Argumente des Gutachtens[15];
-
'ideologische[16]'
Einbettung und
-
ökologische Einbettung.
Mir scheint, dass gerade diese Aspekte (besonders der
letzte!) bislang in der Diskussion zu wenig beachtet wurden.
8. Auch als Nicht-Wissenschaftler fühle ich mich zu einer etwas intensiveren Lektüre des Gutachtens legitimiert, und ebenso dazu, die interessierte Öffentlichkeit an meinen Kollektaneen partizipieren zu lassen. Hier handelt es sich ja nicht um 'reine' Wissenschaft, sondern das Gutachten hat eine ganz handfeste gesellschaftliche und politische Dimension. Insoweit sehe ich mich zwar weniger in meinen unmittelbaren materiellen Interessen tangiert[17]. Jedoch sind insbesondere einige Falschdarstellungen der ökonomischen Realität im Gutachten für mich ein Ausdruck von Arroganz[18] seitens der Kapitalbesitzer, welche sich anschicken, die Lufthoheit über die Begriffe zu erobern. Als Proletarier (è) bin ich aber nicht bereit, mich mit der Lufthoheit über die Stammtische (è) zu begnügen. Das gilt unabhängig von materiellen Interessen zunächst für die Erkenntnisdimension. Lösungen habe ich letztlich nicht anzubieten, doch vielleicht in einigen Punkten eine neue Sicht der Dinge. Das ist, denke ich, schon ein Wert an sich. Denn wie Prof. Sinn so treffend sagt: "scientists want to be right for the right reason"[19]. Und mit den Reasons (wie leider auch mit gründlichem Reasoning) hapert es im Gutachten ein wenig.
Rotkäppchen oder "Haben
Wolfseltern ihren Kindern den Einführungsgewinn weggefressen?"
9.
„Die
erste Rentnergeneration kommt deshalb [d h. durch die Einführung des UV]
in den Genuss von Leistungen, obwohl sie selbst noch keine Beiträge entrichtet
hat. Wenn danach die erste Generation der Beitragszahler in das Rentenalter
kommt, so muss sie sich wegen des fehlenden Kapitalstocks ebenfalls von einer
nachrückenden Generation neuer Beitragszahler finanzieren lassen. Ähnlich ist
es bei allen weiteren Generationen". (Ziff. 30 Abs. I des Gutachtens;
Hervorhebung von mir.)
"Die Einführungsgeneration
erhält die Anwartschaften geschenkt ..." ."Die Anwartschaften,
die ursprünglich auf die Gewinne der Einführungsgeneration zurückzuführen sind
..." (Ziff. 30 II, Hervorhebung von mir).
"... weil die erste
Generation Gewinne erzielt ..." (Ziff. 32 I. Hervorhebung von mir).
"Den Einführungsgewinnen
stehen barwertmäßig gleich hohe Verluste der Nachfolgegenerationen gegenüber
..." (34).
"Die implizite Steuer, die
in den Beiträgen steckt, ist das Pendant der Einführungsgewinne. Ihr Gegenwartswert,
summiert über alle Nachfolgegenerationen, entspricht gerade dem Gegenwartswert
der Einführungsgewinne. Die Umverteilung zwischen den Generationen, die
sich in den Einführungsgewinnen und der späteren impliziten Steuerlast zeigt,
muss als ein erheblicher allokativer Nachteil des Umlageverfahrens gewertet werden."
(38 I, Hervorhebung von mir).
10. Die Gutachter haben die Vorstellung von einem "Einführungsgewinn"[20] (engl.: introductory gain) der Rentner nicht erfunden. Vielmehr ist bzw. war sie in der Wirtschaftswissenschaft weitestgehend akzeptiert[21]. Falsch ist sie trotzdem. Auch ich wäre nicht darauf gekommen, wenn mir nicht der weltberühmte Bestseller von Wilhelm Kaiser in die Hände gefallen wäre: "Kaisers Erinnerungen. Ein Proletarierleben im 19. Jahrhundert." [22] In diesem Werk wird der ökonomisch relevante Sachverhalt so handfest-schlicht aufgedröselt, dass selbst ein Laie wie ich ihn quasi 'mit den Händen be-greifen' konnte.
11. "An einem lauen Sommerabend (è) Mitte August 1889 saßen wir" – schreibt Wilhelm Kaiser – "in unserem gepachteten Gärtchen und aßen, was meine Frau uns liebevoll zubereitet hatte. Meine Söhne Franz und Hans sowie meine Töchter Wilhelmine und Auguste waren nach einem langen Arbeitstag heimgekommen und verspeisten hungrig ihr Essen (è). Niemand sagte etwas, doch anders als sonst lag irgendwie eine gedrückte Stimmung über unserem Abendmahl. Nach dem Essen stopften Hans, Franz und ich wie gewöhnlich unsere Meerschaumpfeifen (è) und wollten schmökend den Abendfrieden (è) genießen, während Wilhelmine und Auguste[23] ihr Häkelzeug hervorholten, um an ihrer Aussteuer zu arbeiten. Doch, anders als sonst, räumte Mutter nicht sofort den Tisch ab und retirierte in ihr Küchenreich (è). 'Kinder', sagte sie und sprach es mit sorgenumwölkter Miene, 'ihr habt uns für diesen Monat noch kein Geld gegeben. Etwas Vorrat habe ich noch im Schapp[24], aber nächste Woche haben wir nichts mehr zu essen (è)!' 'Tja, Mutti, weißt du, ich hab' diese Woche weniger Lohn gekriegt als sonst. Der Lohnbuchhalter hat gesagt, alle Arbeiter (è) müssten jetzt Beiträge zu einer Invalidenversicherung zahlen, und davon sollten dann die Alten eine Rente bekommen. Und deshalb habe ich nun kein Geld mehr übrig, das ich euch wie früher geben kann.' Sagte Hans, und Franz, Auguste und Wilhelmine schlossen sich dieser Erklärung an. 'Aber wir haben doch keinen Pfennig erhalten – was sollen wir bloß tun? Da müssen wir ja verhungern' weinte die Mutter. Tröstend nahm ich sie in den Arm: 'Muttchen', sagte ich, 'übermorgen findet doch hier das Kaisermanöver (è) statt. Dann gehe ich zum Kaiser und bitte ihn, dass er uns das Geld geben soll, was er unseren Kindern (è) abgenommen hat'. Am nächsten Morgen jedoch kam der Briefträger (è) und brachte uns beiden Alten Geld: 'Das ist eure Rente', sagte er. Da war unsere ganze Familie wieder glücklich und zufrieden, und so kam es, dass ich, der Wilhelm Kaiser, dem Kaiser Wilhelm (è) niemals begegnet bin."
12. Als ich die Lektüre dieses zufällig in einem Antiquariat (è) gefundenen Textes beendet hatte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen und ich schlug mir mit dem Handrücken vor die Stirn[25]: genau diesen Sachverhalt haben ja auch die Gutachter im Auge, wenn sie schreiben:
"Wie es auch im
vorindustriellen Familienverbund der Fall war, zahlen die Jungen an die Alten und begründen dadurch einen
Rentenanspruch gegen die nächste Generation der Jungen.“ (Ziff. 30,
Hervorhebung von mir). [26]
Und dasselbe sagt auch – noch deutlicher sogar - Prof. Sinn in seinem bereits zitierten Aufsatz "Pension Reform and Demographic Crisis: Why a Funded System is Needed and Why it is not Needed" (è), wenn er auf S. 24 schreibt
"It
has always [sic!] been the case, and will never be otherwise, that the working
generation has to bear a double burden: raising children and paying for the
old."
Auch auf S. 25 wird dieser Sachverhalt, wenngleich nicht ganz so deutlich erkennbar, geschildert:
"If
the economy were on a steady state growth path where a typical family's number of
children stayed constant from one generation to the next, the transition
from a PAYGO system to a funded system would impose a triple [sic!] burden on
the working generation: paying for the old, paying for their children and
paying for their own pension by investing in the capital market." (Hervorhebung von mir).
13. Diese Aussagen der Gutachter bzw. von Prof. Sinn stehen eindeutig im Widerspruch zur Vorstellung von einem Einführungsgewinn. Wenn die Jungen immer schon für die Alten gezahlt haben, und wenn das explizit auch für den vorindustriellen Familienverbund, und damit zwangsläufig auch für die Situation im Jahre 1889 galt, haben die Alten durch die Einführung der gesetzlichen Rentenversicherung nichts gewonnen (modellhaft gesprochen, versteht sich)[27].
14. Da wir uns vorgenommen haben, nicht einfach Dön(n)ekes vom Kaiser zu vertellen, sondern dem Publikum eine Arbeit abzuliefern, welche dem Ernst des Themas gerecht wird, kommen wir nicht umhin, die aus dem Denkmodell bzw. aus den inneren Widersprüchen des Gutachtens gewonnenen Einsichten zu abstrahieren. Dabei machen wir die interessante Feststellung, dass man je nach Bezugsrahmen zu einer anderen Formulierung kommt:
- Juristisch würde man von einem Austausch der Anspruchsgegner sprechen. Der Unterhaltsanspruch der Alten gegen den Sohn wird durch einen Rentenanspruch gegen die gesetzliche Rentenversicherung ersetzt.
- Ökonomisch stellt man fest, dass die Alten weder etwas gewonnen, noch etwas geschenkt bekommen haben. Vor dem 01.08.1889 schob der Sohnemann ihnen wöchentlich (entsprechend dem damaligen Lohnzahlungsrhythmus) ein paar Goldmark (è) über den Tisch[28], nach diesem Datum brachte der Postbote das Geld ins Haus..
- Von "Einführungsgewinnen" kann man zwar ebenfalls sprechen, dies aber lediglich in einem versicherungstechnischen Sinne, der völlig verschieden ist von einem mikroökonomischen "Gewinn".
15. Mit dieser Unterscheidung verschiedener Bezugsrahmen sind wir dann endlich auf jener heuristischen Ebene angelangt, auf der wir nicht nur unseren Argumentationsgegnern (d. h. in diesem Falle allen Wirtschaftswissenschaftlern, die einen "Einführungsgewinn" postulieren) einen Denkfehler nachweisen, sondern auch dessen Zustandekommen nachvollziehen können. Die Nationalökonomie hat hier kurzerhand einen Begriff (inhaltlich unverändert) von der versicherungstechnischen auf die ökonomische Ebene verschoben. Für diese ökonomische Ebene ist er aber nicht brauchbar. Natürlich haben die Alten seinerzeit Versicherungsleistungen erhalten, ohne dass sie dafür Beiträge gezahlt hätten. Das heißt aber nicht, dass sie Leistungsansprüche erhalten hätten, für die sie keine Aufwendungen erbracht haben – und nur dies sind die für die ökonomisch-modellhafte Ebene relevanten Sachverhalte und somit die adäquaten Termini.
16. "Keine Generation kann im Alter eine Rente beziehen, wenn sie nicht entweder in Humankapital (unsere Feinsprachler haben den Begriff mittlerweile zum Unwort des Jahres 2004 ernannt[29]) oder in Realkapital investiert hat" heißt es in Ziff. 84 Abs. 3 des Gutachtens (und ähnlich an mehreren anderen Stellen). Daraus folgt im Umkehrschluss zwingend, dass die erste Rentnergeneration im Umlageverfahren ihren Rentenanspruch dadurch erworben hat, dass sie in 'Humankapital' (è) (sic!) 'investiert' (sic!) hat. Wilhelm Kaiser und seine Ehefrau haben ihre Rente nicht als Schnorrer zu Lasten zukünftiger Generationen erworben, und dem entsprechend wälzen sie und die Folgegenerationen auch keine Anwartschaften vor sich her, wie die Gutachter fälschlich behaupten (Ziff. 30 II und 41 II). Während Thyssen das Geld, was er sich halt so abknapsen konnte, in Form von Hochöfen (è) gespart hat (auch nötig, ganz gewiss!) haben die Proletarierfamilien Kaiser, Brinkmann und andere damals ihr Geld in die Kinder (è) gesteckt[30] – in vielen Fällen haben sie sich die Kinder im Wortsinne "vom Munde abgespart"[31].
17. Wo es keine "Einführungsgewinne" gibt, kann es auch keine "barwertmäßig gleich hohe(n) Verluste der Nachfolgegenerationen" (Ziff. 34) geben. Durchaus möglich, dass die Berechnungen der "Renditenachteile" rechnerisch richtig sind.[32] Der "Verlust", den die Gutachter theoretisch berechnen, ist jedoch lediglich darauf zurück zu führen, dass die Politik, in Deutschland jedenfalls, vor Einführung der Riester-Rente keiner Rentnergeneration die von Prof. Sinn oben beschriebene Dreifachbelastung zumuten wollte.
18.
Als reines Phantasieprodukt widerlegt ist mit
diesen Feststellungen auch die Behauptung von Prof. Sinn, dass "the PAYGO
system is a device that redistributes wealth from later generations to
introductory generations"[33] (Pension
Reform and Demographic Crisis ..., S. 4). Auffällig ist übrigens,
dass im Gutachten ebenso wie in dem quasi zusammenfassenden und den
wesentlichen Inhalt des Gutachtens für englischsprachige Wissenschaftler
referierenden Aufsatz von Prof. Sinn die Zumutung einer 'Doppelbelastung'[34],
welche eine (partielle) Umstellung der Rentenfinanzierung auf das KDV
zwangsläufig über einen längeren Zeitraum mit sich bringt, nicht mit der (wenn
ich mal salopp so sagen darf:) vermeintlichen Selbstbedienung der alten
Schnorrergeneration (è)
gerechtfertigt wird, sondern (durchaus logisch und nachvollziehbar) mit der
geringen Kinderzahl der derzeitigen Beitragszahlergeneration: "Die Mittel,
die bei der Ausbildung (è)
der Kinder gespart werden, können für den Aufbau eines Kapitalstocks für
Rentenzwecke verwendet werden" (Ziff. 84 III) – das ist in sich
eine schlüssige Argumentation. So sagt auch Prof. Sinn in seiner bereits
zitierten Arbeit "Pension
Reform and Demographic Crisis ...", dass "Today's working generation has
preferred not to raise as many children as previous generations did. This is
the reason for the pension crisis. Given that they saved the education expenses
and caused the crisis, they may well now be asked to invest the free money in
the capital market instead of spending it on additional consumption" (S.
24/25).[35]
19. Zusammenfassend halten wir also fest: Die Gutachter wissen (zeitweise), dass das Umlageverfahren die Ansprüche der Rentner lediglich von der individuellen auf die gesellschaftliche Ebene umstellt und dass die Alten durch diese Umstellung, modellhaft betrachtet, keinen Gewinn machen. Dieses Wissen wird freilich selektiv je nach Zusammenhang ausgeblendet; das gleiche geschieht, wie wir im Folgenden nachweisen werden, bei der Darstellung anderer ökonomischer Zusammenhänge.
Eingefroren im Eisblock (è)
der Kapital(besitzer)interessen, apperzipieren die Ökonomen das Leben nicht mehr.
20. Während
der Irrtum bezüglich des Einführungsgewinns immerhin noch psychologisch verständlich
ist, müssten sich bei der Lektüre der angeblichen ökonomischen
Unterschiede der Funktionsweise von Umlageverfahren einerseits und
Kapitaldeckungsverfahren andererseits eigentlich jedem
Wirtschaftswissenschaftler sämtliche Haupthaare sträuben[36].
Zitate:
"In ökonomischer Hinsicht
liegen zwischen dem Umlage- und dem Kapitaldeckungssystem Welten." (27 I).
"Damit ein Umlageverfahren
dauerhaft funktioniert, müssen zwei Bedingungen erfüllt sein: Die arbeitende
Generation muss die Rentner finanzieren, und sie muss Kinder großziehen. ...
Erst die Investition in die Erziehung und Ausbildung der Kinder schafft die
Möglichkeit, diese Rente auch wirklich zu beziehen. Nur von der Anzahl und
Schaffenskraft der Kinder hängt es ab, ob einmal genug Beiträge zur
Finanzierungen der Renten zusammenkommen werden. (27 II, Hervorhebung von
mir.)
"Wenn .. die erste
Generation der Beitragszahler [im UV] in das Rentenalter kommt, so muss sie sich
wegen des fehlenden Kapitalstocks von einer nachrückenden Generation
neuer Beitragszahler finanzieren lassen." (30 I, Hervorhebung von mir.)
"Das Umlageverfahren bietet
keinen Weg, Ressourcen aus dem Nichts zu schaffen. Es ist ein Nullsummenspiel
zwischen den Generationen." (32 I, Hervorhebung von mir.)
"Keine Generation kann im
Alter eine Rente beziehen, wenn sie nicht entweder in Humankapital oder
in Realkapital investiert hat, denn von nichts kommt nun einmal nichts.
...Heute bleibt ... noch der Weg, die langfristig fehlenden Erwerbstätigen
durch Realkapital zu ersetzen." (84 III, Hervorhebung von mir.)
21. Selbstverständlich wissen die Wirtschaftswissenschaftler und weiß insbesondere auch Prof. Sinn, dass das Sozialprodukt und mithin auch die für den Konsum der Rentner bestimmten Güter und Dienstleistungen nur im Zusammenwirken von Real- und Humankapital[37] produziert werden kann. Wie bereits oben erwähnt, formuliert Prof. Sinn in seinem Aufsatz "Pension Reform and Demographic Crisis: Why a Funded System is Needed and Why it is not Needed" (è), auf S. 24 ausdrücklich:
"It
has always [sic!] been the case, and will never be otherwise, that the working
generation has to bear a double burden: raising children and paying for the
old."
Auch die Einführung des Kapitaldeckungsverfahrens kann also nach der an dieser Stelle vorhandenen richtigen Einsicht von Prof. Sinn nichts daran ändern, dass letztlich die Jungen die realwirtschaftlichen Äquivalente für die Rente der Alten erarbeiten müssen.
22. Wenn es indes darum geht, die ökonomische Funktionsweise des KDV darzustellen, ist dieses Wissen wie eingefroren. Setzt man die oben zitierten Passagen aus dem Gutachten in konkrete Vorstellungen um, müsste man nämlich schlussfolgern, dass sich die ökonomische Aktivität der Jungen mit oder wegen der Einführung des KDV noch unter das technologische Niveau der Steinzeit reduziert hat[38]. Man sieht quasi einen Ackersmann (è) im Bärenfell (è) vor sich, wie er bar jeglicher Geräte ('Kapitalstock') 'nen Ast (è) vom Baum (è) abbricht und damit den Boden umgräbt. Da wundert man sich freilich, warum die gesetzliche Rentenversicherung erst zu Kaisers Zeiten (also in einer wirtschaftlichen Entwicklungsphase, in der erstmalig in der Geschichte in größerem Umfang Maschinen eingesetzt wurden) eingeführt wurde, und nicht schon anno Feuerstein. Angeblich braucht man ja für das UV lediglich Kinder – möglichst viele und möglichst schaffensfrohe. Intelligenz und Lernfreude sind keine Eigenschaften, die hier gefordert werden: wozu auch, wenn ein Kapitalstock für das Umlageverfahren scheinbar entbehrlich ist?
Geistermund tut Wahrheit kund (è)
23. Zugegeben: auch ich habe die Formulierungen im Gutachten zunächst geschluckt 'wie Öl'. Erst als mir mein Urgroßvater (es könnte freilich auch mein Großvater (è) gewesen sein - bei einer Séance[39] erkennt man die Gesichter der Schatten so schlecht!), ganz konkret schilderte, wie er und Krupp zu Kaisers Zeiten den 'Sozialvertrag des Kapitalismus' abgeschlossen haben, und was in diesem Vertrag drin stand, wurde mir klar, dass die Behauptungen der Gutachter über den vermeintlich[40] qualitativen Unterschied zwischen UV und KDV als Wirtschaftswissenschaft aus der Aktuarsperspektive, oder residuale (oder postmoderne) Scholastik (è) zu qualifizieren sind. Auch 'Paradebeispiel für Klippschulökonomie' oder 'Lehrtext für Desinformationsstrategien' könnte man als adäquate Kategorien in Betracht ziehen. Hören wir aber zunächst, was mein Urgroßvater über den Vertragsabschluss und den Vertragsinhalt zu berichten weiß.
24. "Damals, als wir in einem großen Streik (è) für die Vergesellschaftung der Produktionsmittel kämpften," sagte mein UGV, "kam eines Tages der Krupp zu mir[41]. 'Brinkmann'[42], sagte er, 'was wollt ihr eigentlich mit eurem Streik (è) erreichen'?"
UGV: Wir werden Sie und Ihresgleichen expropriieren. Dann gehört alles uns, die Ausbeutung (è) hat ein Ende und mein Lohn wird viel höher sein als jetzt!
K: Und was kaufen Sie sich dann von der Lohnerhöhung?
UGV (war damals erst verlobt): Na ja, also, ich werde heiraten und erst mal ein Ehebett (è) anschaffen, und Leinenzeug auch, weil meine Braut ein Findelkind (è) ist und keine Aussteuer in die Ehe mitbringt. Und sonntags nach dem Kirchgang kann ich mir drei Stein-Pils leisten, statt jetzt immer nur eins. Und dann, wenn wir alles angeschafft haben, was wir im Haushalt brauchen, dann legen wir das, was übrig ist, auf die hohe Kante!
K: Glauben Sie mir, Brinkmann, ich zahle Ihnen ja, was ich kann, wenn ich mehr zahle, gehe ich pleite, weil die Konkurrenz billiger ist, und Ihr Arbeitsplatz ist futsch. Wenn Sie bislang noch nicht gespart haben, werden Sie auch in Zukunft nicht viel abzweigen können. Vielleicht, wenn Sie keine Beiträge mehr an die Sozis und an Ihre Gewerkschaften abführen würden ... . Aber selbst dann werden Sie immer den Wunsch haben, sich das eine oder andere vorher unerreichbare zu leisten: vielleicht ein paar Tage in der Sommerfrische ... .
UGV: Sommerfrische, klar, das wär' mal was Feines! Eine Reise nach Capri (è)i machen, oder dort gar 'ne Villa mit Zufahrtsstraße (è) bauen, und als Liebestat die hungrigen jungen Capri-Fischer (è) durchfüttern – so was ist natürlich für unsereinen nicht drin! Aber trotzdem wird gespart – so bald wie möglich fange ich an!
K: Also wenn sie mich enteignet haben, wollen Sie zunächst den ganzen Mehrwert auf den Kopf hauen?
UGV: Nicht 'auf den Kopf hauen', nur so das Nötigste anschaffen!
K: Was ist eigentlich in Ihren Augen der Mehrwert?
UGV: Na, halt alles das, was die Kosten für Löhne und Rohmaterialien übersteigt!
K: Und die Maschinen und die Fabrikgebäude?
UGV: Hum. Na ja, ich meine, die sind doch schon da? Und später, wenn ich zu sparen anfange, kann die Firma mit meinem Sparkapital ja auch neue Maschinen kaufen und Fabriken bauen!
K: Und wenn Sie erst einmal verheiratet sind, will Ihre Frau doch bestimmt ein paar schöne Kleider (è) haben, und die Kinder kosten auch viel Geld: glauben Sie wirklich, dass Sie von Ihrem Verdienst jemals Geld werden abzweigen können, um zu sparen und somit Investitionen zu finanzieren? Bei mir fallen die paar Dukaten, mit denen ich auf Capri einigen darbenden Jünglingen (è) Freude spende, nicht ins Gewicht: da bleibt noch genug übrig, um neue Fabriken zu bauen und Maschinen zu kaufen. Bei Ihnen wird das nie was mit dem Investieren, Sie haben so viele Ausgaben und so viele Wünsche, und Ihr Lohn, also, wie gesagt, ich zahlen Ihnen so viel wie ich kann, fragen Sie mal Ihre Kumpel vom Stahlwerk 'Flüssiges Puddel': die haben einen viel geringeren Stundenlohn! ... . Wenn Sie es recht bedenken, Brinkmann, sind wir doch aufeinander angewiesen. Warum schließen wir nicht einen Vertrag, wie schon vor über 2000 Jahren die Klassen im alten Rom: Sie für die Plebejer ...
UGV: Also hören Sie mal, wir Proletarier sind keine Plebejer!
K: Das war ja nur historisch gemeint; im alten Rom hießen die Proletarier nämlich Plebejer[43]. Also noch mal: wir vereinbaren, dass ich das Kapital stelle. Ihr nehmt es mir nicht weg, und ich sorge dafür, dass von meinem Geld immer genügend Arbeitsplätze entstehen. Außerdem zahle ich euch im Alter eine Rente, oder gebe jedenfalls was dazu. Darüber setzen wir einen notariellen Vertrag auf, und den unterschreiben Sie für die Arbeiter (è), und ich für die Fabrikanten, einverstanden?
25. Damit hatte der Kapitalist (è) Krupp meinem UGV den Schleier der ökonomischen Unwissenheit[44] vom Gesicht gezogen. Mein Urgroßvater hatte begriffen, dass der Kapitalist eine gesellschaftliche Rolle erfüllt, und dass er dafür zwar nicht zu knapp kassiert, aber durch irgend einen geheimnisvollen Mechanismus[45] am Ende doch auch für ihn und seine Klassengenossen etwas herausspringen könnte. Und deshalb durfte mein UGV, nachdem er solchermaßen vom Baum der volkswirtschaftlichen Erkenntnis genascht hatte, als Bevollmächtigter aller abhängig Beschäftigten einen Vertrag mit Krupp als Vertreter aller Realkapitalbesitzer schließen, welcher als "Sozialvertrag des Kapitalismus" in die Geschichte eingegangen ist.
26. Seit jenen Tagen gibt es bei uns die Sozialpartnerschaft (hatte man uns jedenfalls gesagt). Die Arbeiter nahmen den Kapitalisten ihr Betriebe nicht weg, und die Unternehmer zahlten, in Deutschland jedenfalls, die halbe Rente für die Alten.
27. 'Was wir damals vereinbart hatten", sagte mein UGV, "war ein (anteiliger) Nießbrauch der Arbeitnehmer am Realkapital der Kapitalisten. Wir ließen denen ihre Betriebe (oder ihre Bankguthaben) und lieferten weiterhin den 'Mehrwert' an sie ab. Lange Zeit sind wir bzw. seid ihr damit auch nicht schlecht gefahren. Jedenfalls lebten dort, wo man die Produktionsmittel enteignet hatte, die werktätigen Massen sogar deutlich schlechter als in vielen 'Ausbeuterstaaten'. Doch jetzt, habe ich gehört, wollen die Kapitalisten aus dem Vertrag aussteigen. Mir scheint, dass unser Vertrag damals einen Konstruktionsfehler hatte. Am Ende haben die Kapitalisten uns Proletarier doch über's Ohr gehauen. Kinder (è) zu zeugen, erschien uns damals als eine instinktive Regung, die nichts mit Ökonomie zu tun hatte[46]. Heute ist die Rationalisierung nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in den Köpfen der Menschen fortgeschritten[47]. Dadurch wird auch die Reproduktionsproduktion (bzw. die Nicht-Reproduktion) bei vielen zu einer bewussten Entscheidung, welche auch unter dem Gesichtspunkt der (mikroökonomischen) Ratio überprüft wird. Diese Prüfung zeigt dann allerdings, dass die Reproduktionsproduktion nur gesellschaftliche, aber keine direkten, individuell zuzuordnenden Zinsen abwirft."
28. "Die Realkapitalbesitzer profitieren vom Nachwuchs (è) (auch) der anderen Leute. Sie zahlen ihnen zwar für ihre Arbeit einen Lohn. Aber an die Eltern, welche einen großen Teil der Kosten[48] für die Heranbildung des Humankapitals getragen haben, zahlen sie keinen angemessenen Ausgleich. Obwohl sie, wenn es keine Kinder gäbe, auch keine Zinsen kassieren könnten. Zinsen fallen nicht als Sterntaler vom Himmel, sondern sind ein Anspruch auf Produkte und Leistungen, die irgend jemand erarbeiten (und abgeben) muss. Ich muss mich deshalb wundern", fuhr mein Urahn fort, "dass eure Kathederkapitalisten[49] hier nicht von ökonomischen Fehlanreizen sprechen. Wenn es darum geht, die Löhne zu Gunsten der Profite zu beschneiden, kommen denen solche Begriffe immer sehr geschwind über die Lippen. Aber wenn es irgendwie brenzlig wird für die Kapitalinteressen, versiegt der Strom der ökonomischen Erkenntnis noch geschwinder."
29. "Doch wird diese Midas[50]- (è) Gefolgschaft eines Tages noch merken, dass sie mit ihrem vermeintlichen Gewinn einen Pyrrhussieg errungen hat. Wahrscheinlich hat sie es sogar schon gemerkt, und redet euch nun ein, der Humankapitalnachschub müsse ausschließlich von den abhängig Beschäftigten – als Rentenanwärtern – bezahlt werden[51]. Gewiss, auch die kinderlosen Rentner profitieren vom Umlageverfahren. Insoweit wäre es durchaus gerecht, wenn sie – im Beitragssystem oder über Steuern – mehr zahlen müssten, als die Eltern. Doch gibt es bei euch noch erhebliche Effizienzreserven bezüglich der gesellschaftlichen Ressourcenallokation."
30. Dieses alles sagte mir der Schatten meines UGV, doch des letzten Satzes Sinn war mir dunkel. "Lieber Urgroßvater, spricht doch mal Deutsch, damit auch eine einfach strukturierte Persönlichkeit wie ich dich verstehen kann" bat ich ihn deshalb höflich.
31. "Wie du weißt, Großenkel, belohnt euer Steuersystem – sowie auch das Gehaltssystem in eurem öffentlichen Dienst[52] – die Ehe sehr, die Familie (è) aber wenig. Das ist zwar historisch verständlich, weil 'Ehe' früher ganz selbstverständlich fast immer auch zur 'Familie' führte. Wenn deren Wege sich trennen, und Ehen nicht nur kinderlos sein können, sondern sogar Bindungen, die von vornherein kinderlos bleiben müssen[53], auch rechtlich schon mehr oder weniger als Ehen verstanden werden, müsste eigentlich die Ratio einer steuerlichen Förderung solcher Gemeinschaften hinterfragt werden. Ihr redet doch immer von notwendigen, und schmerzlichen, Reformen. Warum traut sich da keiner dran[54]? Weil zu viele davon profitieren. Eure Politiker und Professoren haben natürlich selbst 'ne Frau daheim sitzen, und wer will schon für die Schmälerung des eigenen Geldbeutels kämpfen? Obwohl es ja eigentlich unlogisch ist, dass ihr die (Ehe)frauen zur Arbeit antreibt[55], aber diejenigen steuerlich bevorzugt, die nicht arbeiten."[56]
32. Mein UGV muss es wissen, denn als nunmehr englisches Wesen (è) hat er jetzt den totalen ökonomischen Überblick. "Im Grunde wollen die Wirtschaftswissenschaftler euch Proletariern nicht nur die Kosten der Humankapitalproduktion allein aufhalsen, sondern außerdem noch die gesellschaftliche Rolle des Investors aufbürden und euren Konsum kappen. 'Kapitaldeckungsverfahren' soll diese Masche heißen und wird, wie man sich bei uns erzählt, als neue Methode der Rentenversicherung unter's Volk gebracht. Dabei verdient das Kapital doch klotzig, denn die Zinsen wachsen exponentiell[57], die Wirtschaft nicht."
33. Nun hatte ich was zum Nachdenken, aber zunächst wollte ich wissen, wo er denn den Sozialvertrag (è) des Kapitalismus aufbewahrt habe. Da donnerte er los: "In der Familienbibel natürlich, Urenkel, und wenn du nicht so ein gottverdammter Heide wärst, hättest du ihn dort schon längst gefunden!" Mit diesen Worten und einem letzten Zug aus der Meerschaumpfeife (è) löste sich seine Erscheinung langsam in Rauch (è) auf. Beschämt trat ich den Heimweg an und bewegte des Urahnen Worte in meinem Herzen.
34. Zuhause angekommen, ging ich sogleich auf den Dachboden (è). Die nicht allzu zahlreichen Bücher (è), welche ich von meinen Vorvätern ererbt hatte, waren dort liebevoll in einer Kiste aufbewahrt. Eins nach dem anderen nahm ich sie heraus: das Kochbuch von Davidis-Holle, einige Bände der 'Gartenlaube' Ga(è), 'Schwesterseele' von Ernst von Wildenbruch, sowie noch einige andere[58]. Und dort, am Boden der Kiste, lag sie: die Familienbibel (è). Behutsam öffnete ich den schweren Deckel und fand – ein Siegel, mit einem Stück Siegelfaden dran, und auch ein kleines Stückchen Papier klebte noch am Siegel. Sonst nur winzige, brüchige braune Papierschnippel, so etwa von der Größe, wie sie aus einem CrossCutShredder rauskommen. Da wusste ich, was geschehen war: die Kapitalisten hatten den Vertrag auf säurehaltigem Papier (è) drucken lassen, um die Proletarier (è) am Ende doch zu übervorteilen! Und somit haben jetzt die Kathederkapitalisten leichtes Spiel mit uns.
35. Auch jüngere Kritiker des Kapitaldeckungsverfahrens weisen häufig darauf hin, dass die Umstellung vom UV auf das KDV den Interessen der Kapitalbesitzer dient. Das dürfte zutreffend sein; gleichwohl ist es vielleicht lohnend, sich die erwarteten oder denkbaren Vorteile (bzw. ggf. auch Nachteile) eines Systemwechsels für die Kapitalanleger noch einmal vor Augen zu führen.
36. Zum einen geht es bei der Interessenfrage um die Verteilung des Sozialprodukts auf die Bereiche Konsum und Investition[59]. Insoweit haben Proletarier wie Kapitalisten, durchaus das gleiche Interesse: den Kuchen aufbewahren und aufessen zugleich! Da nun allerdings ohne Investition kein Konsum möglich ist (und das galt sogar schon zu Ötzis (è) Zeiten), müssen wir das Konsum- und das Investitionsinteresse auf irgendeine Weise austarieren. Insofern ist es durchaus eine geniale gesellschaftliche 'Erfindung', die Investitionsfunktion in der Klasse der Kapitalisten als soziale Rolle auszudifferenzieren und zu institutionalisieren (wie wir das im Kapitel 'kapitalistischer Sozialvertrag' modellhaft als fiktiven Willensakt dargestellt haben). Hinsichtlich dieser Klassen wird zwar behauptet, dass sich der Unterschied mehr und mehr verwischt. Dem steht allerdings die Tatsache entgegen, dass die Konzentration des Reichtums immer noch zunimmt.[60]
37. Die Aufteilung Konsum/Investition ist allerdings eine sehr abstrakte Ebene. In der politischen und sonstigen praktischen Interessenverfolgung geht es den verschiedenen Gruppen, (wie innerhalb der Gruppen natürlich auch den Individuen) darum, sich möglichst viel von der gesellschaftlichen Produktion anzueignen, sei es für Konsumzwecke oder zu Anlagezwecken.
38. Es stellt sich mithin die Frage, wem die Einführung des KDV nützt, nützen könnte, oder genauer - da der Kampf für das eigene Interesse voraussetzt, dass eine bestimmten politische Maßnahme als interessefördernd wahrgenommen wird – wer sich welchen Nutzen davon verspricht.
39. Wer welchen Anteil der Beiträge aufbringen muss, ist nicht zwingend mit der Frage des Finanzierungssystems verknüpft. Auch beim KDV könnte man die Beiträge hälftig von Arbeitgebern und Arbeitnehmern finanzieren lassen. In diesem Falle hätte die Kapitalseite nichts gewonnen, sondern müsste – weil durch die (partielle) Umstellung vom UV auf das KDV die Beiträge für einen längeren Zeitraum höher sind – absolut sogar schon jetzt mehr bezahlen. In der Praxis gehen wohl alle Vorschläge für die Einführung des KDV davon aus, dass die Versicherten die erhöhten Beiträge selbst zu finanzieren haben (wobei Arbeitnehmer mit geringem Einkommen staatliche Hilfe erhalten sollen). Die Lohnnebenkosten, deren Höhe wesentlich von den Sozialversicherungsbeiträge bestimmt wird, werden (zu Recht oder nicht steht hier nicht zur Debatte, kann ich auch nicht beurteilen) schon jetzt oder doch zumindest im Falle einer weiteren Steigerung als zu hoch angesehen; dem entsprechend werden aktuell (Ende 2003) ja auch die Krankenversicherungskosten stärker auf die Arbeitnehmer verlagert. Der Nutzen für die Kapitalbesitzer ist offenkundig, u. U. allerdings kurzlebig. Denn wenn die Gewinne der Unternehmen allzu stark ansteigen, werden sich die Arbeitnehmer ihren Anteil schon holen.
40. Ein weiteres Element, welches für das KDV zwar gleichfalls nicht konstitutiv ist, in den konkreten Projekten aber genauso eng damit verbunden wird, wie beim Softwaremonopolisten Microsoft der Internetbrowser mit dem Betriebssystem, ist die privatwirtschaftliche Organisation der KDV. Die wird zwar recht teuer, weil die konkurrierenden Kapitalsammelstellen (Versicherungen) für die entsprechenden Produkte werben müssen, und weil die Versicherungsbranche für diese Werbung traditionell u. a. auch das Vertriebssystem mittels Vertretern einsetzt, das kaum weniger aufwändig sein dürfte als einst im Einzelhandel der 'Tante-Emma-Laden[61]' (è).
41. Trotzdem soll sie Vorteile haben, weil die Konkurrenz nicht nur eine(n) kostentreibende Werbung/Vertrieb nach sich zieht, sondern die Versicherungen auch zu besonders vorteilhaften Kapitalanlagen inspirieren soll. Das klingt einleuchtend, obwohl es natürlich auch zu Herdenverhalten und somit insgesamt zu einer Risikosteigerung führen kann, während ein Monopolist darauf achten müsste, möglichst branchen- und länderübergreifend zu investieren. Andererseits ist das Argument nachvollziehbar, dass "nur ein privatwirtschaftlich organisiertes Kapitaldeckungssystem ... Schutz vor solchen Eingriffen bietet" [d. h. vor einer politischen Umverteilung der eigentlich versicherungsmathematisch bestehenden individuellen Ansprüche] (Ziff. 53 Gutachten). Wie immer dem auch sein mag: private Firmen werden Gewinne aus dem Verkauf derartiger Versicherungen ziehen, und die Gewinne kommen natürlich wiederum deren Eignern, also der Kapitalseite, zu Gute. Wegen der Konkurrenz (und der hohen Vertriebskosten) werden die Gewinne allerdings nicht extrem hoch sein.
42. Sehr viel interessanter ist für den Kapitalmarkt der Umstand, dass die Versicherungsbeiträge dort nunmehr als Nachfrage auftauchen, also die Preise auch für schon getätigte Investition (Aktien von Firmen, Immobilien) in die Höhe treiben. Eigentlich sollte das nicht sein, denn der Humankapitalsubstitutionsideologie liegt ja die implizite Annahme zu Grunde, dass die so generierte gesellschaftliche Extra-Ersparnis direkt in zusätzliche Investitionen fließt, die sonst nicht getätigt worden wären. Am Kapitalmarkt sah man das freilich realistischer und rieb sich schon die Hände in der Hoffnung, dass der gigantische Zufluss an Riester-Renten-Kapital die Kurse treiben würde. Dadurch müssten allerdings die Renditen sinken und mithin letztlich auch die zu erwartenden Renten geringer sein, als erhofft. Auch für die bisherigen Kapitalbesitzer würden die Renditen prozentual sinken; das jedoch nicht, weil sie ihren Realkapitalbesitz teuer bezahlt hätten, sondern weil der Geldwert ihres Realkapitals ansteigen würde, d. h. weil sie ihr Eigentum nun teurer am Markt verkaufen könnten. Gegen diese Form der Renditesenkung werden die Kapitalisten sicherlich keine Einwände erheben.
43.
Nun gäbe es freilich für weitsichtige
Kapitalbesitzer[62]
noch andere Überlegungen anzustellen, etwa diejenige, wie denn die Massen alle
jene Produkte kaufen sollen, welche mit zunehmenden Investitionen zwangsläufig
produziert werden müssen. Was man den Leuten für das KDV – also für die
Investitionen – schon aus der Tasche gezogen hat, fehlt beim Konsumpotential[63].
Insoweit könnte sich das Kapitaldeckungsverfahren durchaus als ein
Kapitalvernichtungsverfahren erweisen, aber darüber machen wir uns weiter unten
noch einige Gedanken. An
dieser Stelle begnügen wir uns damit, einen trefflichen Satz zu expropriieren,
den wir bei Bradford DeLong, Professor of Economics at the University of
California at Berkeley, in seiner 'Review of David S. Landes, The Wealth and
Poverty of Nations: Why Are Some So Rich and Others So Poor?' (è) fanden: "There is no reason to think that what is in the
interest of today's elite -whether a political, religious, or economic elite-
is in the public interest, or even in the interest of the elite's grandchildren".
44. Ganz weitsichtigen Kapitalisten wird der folgende Gedankengang gefallen: eine Rentenzahlung, welche großenteils direkt aus den bilanziell ausgewiesenen (oder auch den in den Zinszahlungen versteckten) Gewinnen der Privatwirtschaft aufzubringen ist, zwingt letztlich den Staat (è), der Privatwirtschaft auch dann eine entsprechende Rendite zu ermöglichen, wenn der Markt diese nicht hergibt. Da wäre politisch manches vorstellbar, was jetzt noch undenkbar erscheint, nicht zuletzt die Aufhebung der Tarifautonomie. Man muss es den Rentnern nur verklickern, dass dies für sie gut (oder gar notwendig) ist, und schon hat man einen enormes Wählerstimmenpotential für derartige Maßnahmen erschlossen. Dass davon auch die anderen Kapitalbesitzer profitieren, tja, das iss halt mal so. Kluge Kapitalbesitzer denken langfristig und lassen sich vom Strom der Massen tragen. Munter wie Maos Mannen in den schützenden Schwärmen der Volksfische, schwärmen die Goldfische (è) des Geldes in den Kapital-Deckungs-Schwärmen der Rentenfische[64]. Diesen Sachverhalt wollen wir im Bewusstsein unserer Leser mit einem kleinen Reimlein mnemotechnisch verankern:
Für die Superreichen die Super-Wahl:
Die
Rentner als Geiseln der Rendite vom Kapital![65]
HUMKASPAR(ENA) / HUMCAPSI(DISCO)
45. Wie oben mein meta-physischer Urgroßvater, werfen auch die Gutachter die Frage nach den Ursachen für die stark verringerte Humankapitalbildung auf. Aus ihrer Sicht (Ziff. 45 des Gutachtens) reduziert sie sich auf ein Problem für die Rentenzahlungen, und da wiederum ausschließlich für das Umlageverfahren, das gleichzeitig als wesentlicher Mitverursacher dieser Situation bewertet wird:
(1) „Im Grunde entstehen die
Finanzierungsprobleme des Umlageverfahrens dadurch, dass Haushalte ohne Kinder
sich an den Arbeitseinkommen der Kinder anderer Leute beteiligen können, dass
also mit der Einführung dieses Verfahrens eine Sozialisierung der
Schaffenskraft der Kinder vorgenommen wurde.“
Da diese
„Sozialisierung
der Schaffenskraft der Kinder selbst zum Rückgang der Geburtenrate beigetragen
hat“
erörtern sie die Möglichkeit, die
„Höhe
der umlagefinanzierten Rente teilweise von der individuellen Kinderzahl abhängig
zu machen“
bzw.
(2) „alternativ ... den Familienlastenausgleich
über das staatliche Budget zu verstärken.“
Sie kommen jedoch zu dem Schluss, dass
(3) „im Falle eines
allgemeinen Übergangs in die Kapitaldeckung ... solche Maßnahmen entbehrlich
(sind)“.
Die denkbare Alternative, die Geburtenrate zu steigern, bestand nach Meinung der Gutachter im Zeitpunkt des Gutachtens, also 1998, schon nicht mehr. Nach Ziff. 44 Abs. 2 käme:
(4) "... eine Politik
der Geburtenförderung, selbst wenn sie denn politisch akzeptabel sein
sollte, zu spät".
46. Die typographischen Hervorhebungen und die Nummern dazu stammen von mir, und sind natürlich in kritischer Absicht erfolgt. Der Text klingt zunächst einleuchtend (bis auf die Aussage lfd. Nr. 3, die schon gewisse Zweifel in uns wecken könnte). Bei oberflächlicher Betrachtung sind die hervorgehobenen Textpassage Nr. 1 und der hervorgehobene Begriff Nr. 2 auch nicht falsch. Gleichwohl gilt auch hier, dass die Formulierungen der Gutachter erneut in die Irre gehen bzw. in die Irre führen.
47. „Sozialisierung der Schaffenskraft der Kinder“ – das hört sich präzise an, ist aber eher 'kernig' als präzise. Die Formulierung lässt nämlich offen, wem dasjenige gehört, zusteht oder zukommt, was hier sozialisiert wird: den Kindern, oder den Eltern? Zunächst natürlich den Kindern; von deren Lohn werden ja schließlich die Beiträge – hälftig – abgezogen. Aber letztlich doch wohl deren Eltern, denn wenn das Problem, wie die Autoren zutreffend schreiben, darin liegt, dass „Haushalte ohne Kinder sich an den Arbeitseinkommen der Kinder anderer Leute beteiligen können“ dann wird damit einerseits anerkannt, dass Haushalte mit Kindern, Eltern also, sich – als Rentner - ganz legitim an den Arbeitseinkommen ihrer Kinder beteiligen dürfen, wie das bei der familieninternen Altersversorgung, vor Einführung der gesetzlichen Rentenversicherung, ja auch der Fall war. Andererseits weist der Satz darauf hin, dass die Eltern nicht den vollen Nutzen aus den Rentenbeiträgen ihrer Kinder ziehen, sondern dass in unserem System die Kinderlosen an diesen Investitionen partizipieren, indem sie ebenfalls Rente beziehen, also im Grunde ernten, ohne gesät zu haben. Die Eltern sind also zwar partiell Nutznießer ihrer Investitionen, gleichzeitig aber insoweit Geschädigte, als ihr Anspruch zum Großteil sozialisiert wird. Sozialisieren heißt enteignen, und die Enteignung erfolgt zu Gunsten der kinderlosen Rentner, aber – und das übersehen nicht nur die Gutachter - ebenso zu Gunsten der sorgenlosen Rentiers, deren Zinsen auch nicht 'aus der Steckdose' kommen, sondern von anderer Leute Kindern (ggf. vielleicht auch den eigenen) erarbeitet werden.
48. Es sind mithin nicht die Kinder, die enteignet werden durch das Umlageverfahren, sondern die Eltern.[66] Und darauf reagieren die (potentiellen) Eltern als rational handelnde Wirtschaftssubjekte mit einer Reduzierung der Kinderzahl. Die Rente ist ihnen jetzt so oder so sicher, während es früher ohne Kinder keine Altersversorgung gab bzw. allenfalls eine gesellschaftlich diskriminierte und materiell äußerst dürftige im Armenhaus.
49. Man darf wohl davon ausgehen, dass die Gutachter die von mir aufgezeigten Zusammenhänge jedenfalls insoweit zugestehen würden, als es um die Enteignung der Eltern durch die kinderlosen Rentner geht. Wenn ich trotzdem meine Überlegungen so haarklein ausgewalzt habe, dann zum einen deshalb, weil die Wissenschaftler die ebenfalls stattfindende Enteignung zu Gunsten der Kapitalbesitzer nicht sehen (wollen). Zum anderen wundere ich mich, dass diese Herrschaften, die immer so genau wissen, mit welchen Anreizen man Kapitalinvestoren ködern sollte – nämlich mit hohen Renditen; also: Löhne runter! – den Eltern verweigern, was sie den Investoren – ökonomisch durchaus begründbar – zugestehen: einen Renditeanreiz für Investitionen. Logischerweise müssten sie doch fordern, dass nicht nur den Geldsparern (è) für ihre Kapitalinvestitionen[67] Zinsen gezahlt, sondern in gleicher Weise den Eltern für ihre Humankapitalinvestitionen Rendite gewährt wird? Dies ist indes der Punkt, wo die Darstellung der (partiellen) Ursache des demographischen Problems durch die Wissenschaftler die Realität haarscharf verfehlt; es ist, als hätte ein Magnet ihre Gedanken abgelenkt, damit der Ball der Erkenntnis nicht ins kapitale Tor geht. Transponieren wir Realkapitalsparer und Eltern unter dem Gesichtspunkt ihres jeweils notwendigen Beitrags zur Herstellung des Sozialprodukts auf eine einheitliche ökonomische Ebene, dann sind die Eltern „Humankapitalsparer“. Das sehen auch die Gutachter so, wenn sie sagen „Keine Generation kann im Alter eine Rente beziehen, wenn sie nicht entweder in Humankapital oder in Realkapital investiert (sic!) hat“ (Ziff. 84 Abs. 3). Die zwingende Folge wäre also, bei korrekter Anwendung der von den Wirtschaftswissenschaften erzielten Erkenntnisse und der von ihr entwickelten Terminologie, einen „Humankapitalsparrenditeanspruch“ zu postulieren.
50. Dass die Gutachter genau das nicht tun, sondern von einer Verstärkung des „Familienlastenausgleichs“ sprechen, hat Methode: auch hier entfaltet der Torablenkungsmagnet wieder seine (aus Sicht der Kapitalinteressen) segensreiche Wirkung. „Lasten“ lassen sich gedanklich gut in eine Schublade z. B. mit Krankheit einordnen: auch hier hilft uns die Gesellschaft, die Last der Krankheit zu tragen. Wenn aber Kinder eine der beiden unverzichtbaren ‚Spardosen’ der Gesellschaft sind, dann sollte ein Ökonom eben nicht von ‚Lastenausgleich’ (oder scheinwissenschaftlicher von "Transferleistungen") sprechen, sondern von ‚Renditeanspruch der Humankapitalsparer’. Will man aber den Eltern nicht erst im Alter eine Rendite zahlen, sondern (aus guten Gründen) schon das Aufziehen der Kinder von der Gesellschaft finanzieren lassen, wäre ‚Renditenachteilsausgleich für die Humankapitalsparer’ der sachangemessene Terminus.
51. Warum drücken sich die Wissenschaftler um die Anwendung des einschlägigen begrifflichen Instrumentariums zur präzisen Darstellung des Problems herum? Weil sie den Eltern nichts zahlen wollen. Denn wer die Forderung nach einer solchen Rendite aufwirft, hat aus der Sicht der Kapitalinteressen die Büchse der Pandora (è) geöffnet: wer soll das bezahlen? Wer zahlt Zinsen an die Realkapitalsparer? Derjenige, der von ihren Ersparnissen profitiert. Wer müsste analog die Zinsen an die Humankapitalsparer abführen? Ebenfalls derjenige, der von deren Investitionen (in das Aufziehen von Kindern) profitiert! Und wer ist das? Neben den kinderlosen Rentnern, die zweifellos von 'ALKK' ('anderer Leute Kinderkapital') leben[68], sind das eben ganz wesentlich auch die Realkapitalsparer! Ohne Humankapital verhungern (è) sie in der Midas-Falle (è). Da mögen sie dann zum Frühstück 'ne PC-Maus, zum Mittagessen 'ne Festplatte und abends 'nen Monitor verspeisen: wohl bekomm’s![69]
52. Die Männer der Wissenschaft[70] (è) haben aber nicht das geringste Interesse (weder im psychologischen noch im gesellschaftlichen Sinne des Wortes), einen Renditeanspruch der Humankapitalsparer als solchen auch nur zu erörtern, geschweige denn zu konzedieren. Sie halten bei einem Übergang zu einem Kapitaldeckungsverfahren eine Unterstützung der Familien durch die Gesellschaft für entbehrlich. Da haben die Herren vor lauter ökonometrischen Formeln die Grundrechenarten offenbar ganz aus dem Kopf verloren. Auch wenn die Rentenfinanzierung (partiell) auf das Kapitaldeckungsverfahrens umgestellt wird, sind - zumal ja zusätzlich noch die Beiträge für die gegenwärtigen Rentner weitergezahlt werden müssen - die Eltern mit Kindern im Vergleich zu den Kinderlosen „doppelt“ belastet. Anders als letztere zahlen sie nicht nur Beiträge bzw. Sparraten: sie haben außerdem nach wie vor einen Großteil der Kosten für die Kinder selbst zu tragen.
53. Wie schon bei der Hypothese eines angeblichen "Einführungsgewinns" der ersten Rentnergeneration zeigt sich auch hier - in einer anderen Form - wieder etwas, was ich als 'strukturelle Verlogenheit' bestimmter gesellschaftlicher Diskurse bezeichnen möchte. Im vorliegenden Zusammenhang wird zwar wahrgenommen, dass ein Problem besteht. Aber es wird isoliert wie ein Lepra-Kranker. Die Wissenschaftler verweigern ihm eine Würdigung mit den Erkenntnisinstrumenten, welche sich ihnen, wenn sie an einem tieferen Eindringen interessiert wären, aus dem begrifflichen Inventar ihrer Disziplin geradezu aufdrängen müssten[71]. Sogar als Laie kommt man dagegen schon geradezu spielerisch vom unfairen Dreier der Begriffe 'Realkapital – Zinsen (Kapitalrendite) // Humankapital' zu einem (durch seine Symmetrie bereits ästhetisch ansprechenderen) gemischten Doppel 'Realkapital – Realkapitalverzinsung // Humankapital – Humankapitalsparverzinsung'. Es sei hier ausdrücklich noch einmal klargestellt: 'Humankapitalsparverzinsung' ist der Anspruch der Eltern; 'Humankapitalverzinsung' der Anspruch der Kinder auf den Lohn für ihre Ausbildung (è). Hier geht es zunächst nicht um eine Lohn-'Verzinsung' von Geld und Mühe, die – von Eltern und/oder Kindern - in deren Ausbildung gesteckt wurden (dass sich das rentieren muss, ist auch für die Autoren selbstverständlich). Hier geht es darum, dass aufgrund der Struktur unseres finanz- bzw. realkapitalorientierten Denkens und Handelns diejenigen, die ihr Geld als solches 'sparen', d. h. es direkt oder indirekt in Immobilien oder Produktionsmittel investieren, ganz selbstverständlich eine Rendite – Zinsen – erwarten und dies von breiten Mehrheit der Gesellschaft (natürlich nicht von den Marxisten (è) und den Anhängern der Schwundgeldlehre Silvio Gesells) auch gedanklich und real zugestanden bekommen[72], während den Eltern als für die Wirtschaft mindestens ebenso notwendigen Humankapitalsparern ein solcher Anspruch für ihre dafür erbrachten Aufwendungen verweigert wird. In gewisser Hinsicht treibt also 'der Markt' mit den Eltern das gleiche Spiel wie mit der Natur: er nimmt deren Gaben 'für lau'[73] und wundert sich, wenn sie – genau aus diesem Grund – eines Tages nicht bzw. nicht mehr in genügender Menge vorhanden sind.
54. Nachdem ich mich hinreichend in Rage geredet habe, muss ich freilich meine ökonomischen Überlegungen aus ökologischen Gründen schon wieder relativieren: wollen wir überhaupt mehr Kinder? Sollen/können wir Deutschland noch mehr zubetonieren? Ich fürchte freilich, dass genau das selbst dann passieren wird, wenn der Nachwuchs nicht von uns kommt: das Humankapital wird man notfalls importieren; die Weichen dazu werden ja derzeit schon gestellt. Ein bisschen ethnische Durchmischung – rassische Aufsüdung oder so – kann sicher nicht schaden. Aber nur Humankapital (gratis) importieren[74], und die Altlasten exportieren (Kapitalanlage im Ausland zwecks Rentenversorgung!): wer sich darauf verlässt, wird eines Tages vermutlich ebenso verlassen sein wie die alten Römer, als sie ihr Schicksal in der letzten Phase ihrer ruhmreichen Reichsgeschichte allzu vertrauensvoll in die Hände der germanischen Kampfmaschinen legten.
55. Fassen wir also die Ergebnisse unserer vertiefenden Analyse der schon bei der Begegnung mit dem Geist meines Urgroßvaters erörterten Humankapitalproblematik zusammen. Von den Investitionen der Eltern profitieren kinderlose Rentner einerseits und Realkapitalsparer andererseits. Letztere Tatsache verdrängen die Gutachter (und die Wirtschaftswissenschaft überhaupt?) erfolgreich aus ihrem eigenen wie leider auch aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein.
56. Was von den Gutachtern geleugnet wird ist, in wirtschaftswissenschaftlicher Terminologie formuliert, der Anspruch auf eine Rendite für die Eltern als gesellschaftliche Vergütung für ihre Investitionen (an Kapital und Zeit) in Kinder, kurz also: eine Humankapitalsparrendite (human capital savings interest). Diese könnte allerdings – und das wäre im Hinblick auf die Stabilisierung der Population zweckmäßiger - durch einen direkt als Ausgabenersatz zu zahlenden Humankapitalsparrenditenachteilsausgleich[75] ('HUMKASPARENA') ersetzt werden. (I wonder, whether "human-capital-savings-interest-disadvantage-compensation" – 'HUMCAPSIDISCO' ?- would be a correct translation?). Die Frage, ob es in ökologischer Hinsicht klug ist, Anreize für eine vermehrte Humankapitalproduktion zu schaffen, hatten wir bereits früher erörtert[76]. Wenn wir sie verneinen, müssen wir uns möglicherweise auch von der Vorstellung verabschieden, dass gerechte Politik (Ausgleichszahlungen) in jedem Falle notwendigerweise auch gute Politik ist, d. h. wünschenswerte Ergebnisse (Erreichen eines – wie auch immer definierten - Populationsoptimums) hervorbringt.
57. Das gleiche Problem – Gerechtigkeit vs. Effizienz - taucht auf bei der Frage, ob wir jetzt die Rente für die Ex-Humankapitalsparer erhöhen sollen (= Gerechtigkeit), oder ob wir das Geld nicht effizienter als Anreiz (incentive) für die aktuellen Humankapitalsparer verwenden (bzw. auch für die qualitative Aufwertung des Humankapitals: Ausbildung[77]!). Das Interesse der Politiker könnte hier den Interessen der Gesellschaft insoweit zuwider laufen, als die Politik versucht sein dürfte, das Geld wählerstimmenwirksamer an die Eltern erst in ihrer Eigenschaft als Alte, also etwa als Rentenzuschlag, auszuschütten[78]. In diesem Zusammenhang hat der verschiedentlich gemachte Vorschlag, Wählerstimmen für Kinder einzuführen (d. h. den Eltern je nach Kinderzahl zusätzliche Wählerstimmen einzuräumen) einen gewissen Charme, weil auf diese Weise (hoffentlich) Zukunftsinteressen der Gesellschaft ein größeres politisches Gewicht bekämen.
58. Am Rande sei angemerkt, dass ein Verständnis etwa der 'Sozialleistung' Kindergeld als Humankapitalsparrenditenachteilsausgleich auch insoweit praktische Auswirkungen hätte, als diese Zahlungen auf jene zu beschränken wären, welche mit hinreichender Wahrscheinlichkeit eines Tages zur Schaffung des hiesigen Sozialprodukts beitragen werden.
59. Letztendlich ist aber ohnehin kaum anzunehmen, dass meine hier dargestellte Meinung über bzw. Forderung nach einer Humankapitalsparrendite etwas bewirken oder auch nur in größerem Maße wahrgenommen wird. Es ist aber vorstellbar, dass das Thema in anderer Verpackung in nicht allzu ferner Zeit quasi 'von selbst' auf den Tisch kommt. Wenn es erst einmal gelungen ist, die Kinderproduktion technisch mehr und mehr von den Eltern, insbesondere der Mutter, zu trennen (Entwicklung des Embryos außerhalb des Uterus), wird irgendeine Gesellschaft beginnen, Kinder tatsächlich zu 'produzieren', sobald sie zu der Meinung kommt, dass die natürliche 'Produktion' den Bedarf nicht deckt[79]. Und dann muss die Gesellschaft die Kosten ohnehin tragen. Bei einer solchen Konstellation käme wohl kaum jemand auf die Idee, dass die Kinderaufzucht allein von den Rentenaspiranten finanziert werden müsse. Unabhängig davon, für wie realistisch man den Eintritt eines solchen Szenarios hält, zeigt es immerhin, dass die Finanzierung der Kosten für den Nachwuchs eine Angelegenheit der gesamten Gesellschaft ist, weil davon alle profitieren: Rentner im Umlageverfahren, Rentner (è) im Kapitaldeckungsverfahren und Rentiers für ihre Profite ebenso und somit auch für ihre Altersversorgung.
60. Mit der Anerkennung eines Humankapitalsparrenditeanspruchs der Eltern stürzt man übrigens die Kapitalbesitzer noch lange nicht ins Elend. Die werden (wenn auch nur höchst hilfsweise) argumentieren, dass ihre Zahlungspflicht mit den Arbeitsentgeltzahlungen an das Humankapital abgegolten sei. Darüber kann man durchaus streiten (è); trotzdem werden die Kapitaleigner unter dem Motto "wehret den Anfängen" alles tun, um die Idee eines HUMKASPARENA nach Möglichkeit gar nicht erst aufkommen zu lassen. Die gesellschaftliche Anerkennung eines derartigen Anspruches würde sie nämlich insoweit ideologisch in die Defensive drängen, als sie nicht mehr die einzigen wären, die eine Rendite verlangen könnten. Das birgt für sie immer das Risiko in sich, dass sie von der Gesellschaft gezwungen werden könnten, die Früchte ihres Kapitaleinsatzes mit den anderen, ebenfalls Anspruchsberechtigten, zu teilen. Und Teilen ist sicher das Letzte, was ein Kapitaleigner will: um das zu vermeiden, flüchten ja schließlich viele ihr Kapital und/oder sich selbst steuersparend in die Parasitenstaaten.[80]
61. In politisch-praktischer Hinsicht kommt den Kapitalinteressen leider die Tatsache entgegen, dass der Zustand der Zahlungspflicht der Eltern für ihre Kinder transitorischer Natur ist. Weil andererseits auch viele Eltern ein bisserl[81] Geld auf dem Konto oder dem Depot oder den Depots haben, wird sich ihr Interesse an einer Umverteilung sehr in Grenzen halten. Und da ja auch die politischen Sachwalter unserer ökologischen Interessendimension sich für das KDV entschieden haben, ist alles in Butter für das Kapital. Jedenfalls soweit sein interessenanalytischer Zeithorizont reicht. "Langfristig gesehen sind wir alle tot", wusste bereits John Maynard Keynes[82]. Das Kapital ist jetzt und auf absehbare Zeit tot oder allenfalls im mechanischen Sinne lebendig. Ich wäre der letzte, der sich gegen ein von den Menschen entwickeltes künstliches Leben (è) stellen würde, aber so lange es das noch nicht gibt und nicht realistisch absehbar ist, sollten wir nicht glauben, wir könnten unser zukünftiges Rentnerparadies schon mal vorheizen, indem wir unsere ungeborenen Kinder[83] in den heißen Rachen des Kapital-Baal (è) werfen (und was von unserer Umwelt noch übrig ist, gleich hinterher)[84]. Vorausgesetzt natürlich immer, wir entscheiden uns nicht aus ökologischen Gründen ganz bewusst gegen mehr Kinder. Aber dann bitte auch für weniger Profite[85] und, wenn es denn sein muss, auch weniger Rente.
Erst definieren – dann denken!
62. „Blöde Frage“ wird die spontane Reaktion vieler Leser sein: das bedeutet, die Renten sollen eben sicher bleiben, ohne dass der Arbeitende erheblich mehr belastet wird. Wirtschaftswissenschaftler z. B. erstellen prozentuale Berechnungen, wie die Rentenbeiträge bei einer Fortführung der gesetzlichen Rentenversicherung mit dem derzeitigen Anspruchsniveau in Zukunft prozentual ansteigen würden, und machen Vorschläge, mit denen ein solcher Anstieg verhindert werden soll.
63. Die Eindeutigkeit und Klarheit des Begriffs ist freilich nur eine scheinbare, eher emotionale als rationale. Tatsächlich ist, wie die nachfolgende Überlegungen und Modelle zeigen werden, die Vorstellung davon, was „Rentensicherung“ leisten soll, durchaus verschwommen. Unpräzise Vorstellungen und Definitionen bringen jedoch die Gefahr mit sich, dass Vertreter von Partikularinteressen im trüben Nebel des Begriffsdunstes fischen. So kann man gesellschaftliche Interessenpositionen tarnen und gar als Gemeinwohl ausgeben (Gemeinnutz und Eigennutz müssen sich zwar nicht immer ausschließen, aber bei der Rente geht es häufig doch um einen Verteilungskampf).
64. Das nachfolgende, wenn auch recht grobe und unausgereifte, Modell soll veranschaulichen, welche Entwicklung das Konsumpotential der Arbeitenden einerseits und der Rentner andererseits im Hinblick auf die zu erwartende Verschlechterung der demographischen Relationen nehmen könnte bzw. welche Entwicklung die Gutachter sich von der Umstellung der Rentenfinanzierung vom Umlageverfahren auf das Kapitaldeckungsverfahren erhoffen. Ich unterstelle (nur) in diesem Modell, dass jede Investitionssteigerung zu einer direkt proportionalen Produktionssteigerung führen würde. Das ist eine günstigere Annahme, als sogar die Sachverständigen selbst zu Grunde legen. Die wissen durchaus, dass "die Ertragsrate des Kapitals ... umso niedriger [ist], je geringer die Zahl der Arbeitskräfte ist, die als Komplemente des volkswirtschaftlichen Kapitalstocks für den Produktionsprozess zur Verfügung stehen" (Ziff. 17 Abs. 2, vgl. auch oben). Da ich jedoch hier lediglich in der Tendenz veranschaulichen will, welche Erwartungen die Gutachter hegen und welche Relationen eintreten würden, wenn sich die in das KDV gesetzten Hoffnungen tatsächlich realisieren ließen, können solche Einschränkungen unbeachtet bleiben.
65. Das Modell bezieht sich auf alle produzierten Güter und Dienstleistungen. Als Einheiten, hier der Anschaulichkeit halber als "Euro" bezeichnet, können also alle möglichen Produktionsindizes von Gütern und Dienstleistungen eingesetzt werden (Inflationsfreiheit wird unterstellt).
66. Die Tabelle bzw. die verschiedenen Varianten für das Jahr 2050 beruhen auf folgenden Annahmen (etwaige Übereinstimmungen mit der Wirklichkeit wären dabei rein zufällig und, da wir ja lediglich Tendenzen darstellen wollen, auch unerheblich):
- Investitionen gleich bleibend 50% des Sozialprodukts (unsere Kapitalisten sind äußerst sozial eingestellt und reinvestieren deshalb ihren gesamten Gewinn)
- Die Rente soll gleich bleibend durchschnittlich 50% vom Verdienst eines Arbeitenden ausmachen.
Die Spaltentitel bedeuten:
- 2050(1) und (2) = Keine Umstellung auf KDV; dabei
- Variante 2050(1) = keine Produktivitätssteigerung (eine eher unrealistische Annahme; rentenpolitisch und überhaupt wirtschaftspolitisch zumindest von unserem derzeitigen Erwartungshorizont her betrachtet geradezu ein 'Horrorszenario')
- Variante 2050(2) = 'normale' Produktivitätssteigerungen mit einer entsprechenden Steigerung des Kapitaleinsatzes (so, wie wir das aus der Vergangenheit gewohnt sind)
- Variante 2050(3) = vollständige Umstellung auf KDV (also in der Logik der Gutachtens noch stärkere Steigerung des Kapitaleinsatzes als bei der bisherigen Entwicklung bzw. der von den Gutachtern vorgeschlagenen lediglich teilweisen Umstellung auf KDV; Steigerung der Produktivität wird gleichfalls vorausgesetzt).
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I.
|
II.
|
III.
|
IV.
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Nr. |
Jahr è |
2000 (Basisj.) (UV) |
2050 (1) (UV) |
2050 (2) (UV) |
2050 (3) (KDV) |
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1.
|
Verhältnis
Aktive : Rentner |
2 |
durchgängig 1 : 1 |
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2.
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Kapitaleinsatz (% von
Basisjahr.) |
100 % |
100 % |
200 % |
300 % |
|||||
|
3.
|
'Soz.prod.'
(SP) (TEURO pro ANer) |
30 |
30 |
60 |
90 |
|||||
|
4.
|
Kapitalrenditen
(TEURO) (dav.
Ant. Kapitalisten | Rentner) |
15 (=
50%) (15 | 0) |
15 (= 50%) (15 | 0) |
30 (= 50%) (30 | 0) |
45 (= 50%) K: 30 = 66,67% R: 15 = 33,33% |
|||||
|
5.
|
'Brutto'-Lohn
pro ANer vor Rentenbeitr. | (% v. SP) |
15 (=
50%) |
15 (= 50%) |
30 (= 50%) |
45 (= 50%) |
|||||
|
6.
|
dav. v. ANer an Rentn. abzugeb. (UV) |
3,0
(20%) |
5 (33%) |
10 (33%) |
- 0 - |
|||||
|
7.
|
davon v. ANer zu sparen (KDV) |
- 0 - |
- 0 - |
- 0 - |
15 (33%) |
|||||
|
8.
|
Rente
(TEURO) pro Rentner (bei UV = Z. 1 x Z. 6; bei KDV = Anteil "R" aus
Z. 4) |
6 |
5 |
10 |
15 |
|||||
|
9.
|
'Netto'-Lohn
pro ANer nach Rentenbeitr. (UV od. KDV) (Z. 5 ./. Z. 6 bzw. 7) |
12,0 |
10 |
20 |
30 |
|||||
|
10. |
a) 'Netto'-löhne (Z. 9) in % v. SP (Z. 3) b)
dito in % von Konsumpotential |
40% 80% |
33,3% 66,7% |
33,3% 66,7% |
33,3% 66,7% |
|||||
|
11. |
a)
Renten (Z. 8) in % von SP (Z. 3)* b)
Renten in % von Konsumpot.* (* jew. : 2, da –2- Aktive
je Rentn. – geä. 20.6.05) |
10% 20% |
16,67% 33,33% |
16,67% 33,33% |
16,67% 33,33% |
|||||
67. Wir gehen (fast) alle, automatisch und meist ohne das ausdrücklich zu erwähnen, bei unseren Erwartungen für die Zukunft davon aus, dass die Produktivität weiterhin steigen wird. Sicherlich ist nicht anzunehmen, dass man keine neuen, arbeitssparenden, Erfindungen mehr machen oder gar die alten vergessen wird. Es könnte aber immerhin sein, dass die Umweltkosten eines Tages so hoch werden, dass sämtliche technischen Fortschritte diese Kosten bzw. Kostensteigerungen nicht mehr kompensieren[86]. Hierbei denke ich an die Rohstoffbeschaffung (außer aufwändigerer Lagerstättenerschließung – Stichwort "Ölschiefer" – kommen auch höhere Kosten aufgrund von Monopolen oder Kartellen der Rohstoffproduzenten in Betracht – Stichwort "OPEC"), an eine ggf. lebensnotwendig erforderliche Beseitigung von Umweltschäden (z. B. Grundwasser, Sauerstoff, Ansteigen des Meeresspiegels), sowie an die wohl nicht ganz unrealistische Möglichkeit, dass sich unsere Lebensbedingungen durch irreversible Umweltschäden von globalen Ausmaßen dramatisch verteuern – Stichworte "künstliche Atmosphäre", "Änderung der Meeresströmungen". Es wäre nicht sonderlich weitsichtig, würde man die Möglichkeit einer negativen Entwicklung auf diesem Gebiet gänzlich aus den Augen verlieren. Denkbar ist insoweit nicht nur eine gleich bleibende Produktivität [Szenario 2050(1)], sondern sogar das noch schlimmere (hier nicht dargestellte) Szenario einer sinkenden Produktivität.
68. Sowohl bei sinkender als auch bei gleich bleibender Produktivität der Arbeitenden wäre die Entwicklung des Sozialprodukts von der Zahl der Arbeitenden abhängig. Die Verschlechterung der demographischen Situation würde also voll durchschlagen, d. h. die Jungen und/oder die Alten müssten ihren Konsum – u. U. drastisch – einschränken. Wir werden unten aufzeigen, dass der gut gemeinte Vorschlag einer Investitionssteigerung mittels KDV statt einer Steigerung durchaus eine Senkung der Produktivität – aufgrund höherer (Umwelt-)Kosten, die bisher mehr oder weniger als Externalitäten verstanden werden – zur Folge haben könnte. Es gibt eben nicht nur Mächte, die Böses wollend Gutes schaffen, sondern leider auch solche (wie uns auf dem Feld der Sozialpolitik ausgerechnet die Wirtschaftswissenschaftler des liberalen Mainstream immer wieder – und nicht immer zu Unrecht - vor Augen halten), die Böses schaffen, indem sie Gutes wollen[87]. Anders gesagt: Es könnte sein, dass das KDV (und zwar gerade dann, wenn es – zunächst – die vorgesehene Wirkung einer Wachstumsbeschleunigung entfaltet, sich im Endeffekt nicht als eine Gabe des Himmels, sondern als eine Einflüsterung von Mr. Mephisto (è) erweist[88].
69. Das Szenario 2050(1) zeigt anschaulich, wie sich das Konsumpotential für Arbeitnehmer und Rentner absolut (in diesem Beispiel von 12 auf 10 bzw. von 6 auf 5 Einheiten oder "TEURO", also um jeweils 16,67%) mindern würde, wenn die Produktivität nicht ansteigt. Für unseren persönlichen geschichtlichen Erfahrungshorizont erscheint schon das völlig inakzeptabel, vor allem auch unwahrscheinlich. Wir haben uns daran gewöhnt, dasjenige einfach auszublenden, was wir bisher mehr oder weniger kostenlos nutzen konnten: die Natur.
70. Bei einem 'normalen' Ablauf (d. h. bei einer Wirtschaftsentwicklung, wie wir sie aus der Nachkriegszeit und im Grunde seit Beginn der industriellen Revolution gewohnt sind) mildert die Produktivitätsentwicklung die Auswirkungen der Populationsüberalterung weitgehend ab. In dem entsprechenden Szenario 2050(2) sehen wir, dass die Arbeitenden trotz demographischer Krise 20 statt 12 "TEURO" (oder wie auch immer definierte Konsumeinheiten) zur Verfügung hätten, die Rentner entsprechend 10 statt 6. Beide Gruppen könnten also ihren Konsum um 66,67% steigern, ohne dass die jetzt Arbeitenden ihren Konsum einschränken und 'doppelte' Beiträge zahlen müssten. Natürlich würden die Rentenbeiträge von 20% auf 33% steigen, d. h. relativ müssten die Arbeitenden im Jahr 2050 mehr an die Rentner bezahlen als jetzt, aber absolut hätten trotzdem beide Gruppen mehr 'in der Tasche'.
71. Lassen wir nun die gegenwärtigen Beitragszahler "doppelt" bezahlen, also Beiträge für die derzeitigen Rentner im Umlageverfahren und für die eigene Rente im Kapitaldeckungsverfahren, kommen wir zum Szenario 2050(3). Wir konnten jetzt (auf dem Papier zumindest) die Produktion pro Kopf noch einmal deutlich steigern. Der Rentner hat 15 statt 10 TEURO, also noch einmal 50% mehr als bei 'normaler' Entwicklung (und 150% mehr als 'jetzt'). Der Aktive braucht nun von seinem Lohn nichts mehr an die Rentner abzugeben: wie schön. Allerdings muss er das, was die Rentner aus den Kapitalerträgen herausziehen, ersetzen, wenn der Anteil der Investitionen gleich bleiben soll. Das tut er über seine eigenen Beiträge, 15 TEURO in diesem Falle, entsprechend der Konsumentnahme des Rentners.
72. Wie
immer die Wirtschaft sich entwickelt: den prozentualen Anteil für
Rentner und Arbeitende (vgl. Zeilen 10 + 11) bestimmt ausschließlich das
Zahlenverhältnis Aktive/Rentner[89] – es
sei denn, man mindert die relative Rentenhöhe oder das relative
Investitionsvolumen. Das aber sind Maßnahmen, die nicht notwendig an die Art
der Rentenfinanzierung gekoppelt sind. Die organisatorische Änderung der
Rentnerversorgung kann also nichts an der proportionalen Mehrbelastung
der Jungen aufgrund der demographischen Krise ändern. Bei relativ gleichem
Versorgungsniveau der Rentner müssen die Jungen einen höheren Anteil an ihrer
Produktion abgeben, können also – immer relativ gesehen – nur weniger
konsumieren als unter günstigeren demographischen Verhältnissen. Gerhard
Mackenroth (è)
hat das 1952 in seiner (bei Teilnehmern an der Rentendebatte berühmten) „Mackenroth-These“ wie
folgt formuliert: „Nun gilt der einfache und klare Satz, dass aller
Sozialaufwand immer aus dem Volkseinkommen der laufenden Periode gedeckt werden
muss. Es gibt gar keine andere Quelle und hat nie eine andere Quelle gegeben,
aus der Sozialaufwand fließen könnte ...“. Unabhängig von der Höhe des
Sozialprodukts gilt also für uns der einfache und klare Satz: "Den relativen
Mackenroth / kriegt auch das KDV nicht tot". Das werden die Gutachter
sicherlich nicht leugnen; im Sinne einer objektiven und umfassenden
Politikberatung wäre es aber wünschenswert gewesen, wenn sie diese Tatsache
entsprechend herausgestellt hätten. Denn so doof sind die Jungen nun auch
wieder nicht, dass sie die relative Verschlechterung ihres Konsumpotentials
nicht wahrnehmen werden, nur weil ihr entsprechender Konsumverzicht im KDV als
Zins oder Dividende erscheint, statt als "Rentenbeitrag im Umlageverfahren".[90]
73. Unstreitig
ist es natürlich politisch weit einfacher, sich über die Verteilung großer
Zuwächse zu streiten, als über kleinere, oder gar eine geschrumpfte Produktion
aufzuteilen. Und große Zuwächse glauben ja die Gutachter durch die Einführung
des KDV erreichen zu können: in realwirtschaftlicher Hinsicht für die Zukunft
zu „sparen“, und zwar in dem Sinne, dass Junge und Alte insgesamt dann
jedenfalls absolut mehr konsumieren können. Ich persönlich glaube
freilich eher weniger an die wundersame Vermehrung der Brote (è)
oder die Verwandlung von Wasser in Wein (è)
– was unten näher zu begründen sein wird.
74. Als allgemeine Aussage aus der Tabelle können wir jedenfalls abstrahieren, dass das „Rentenproblem“ nicht eine, sondern zwei Dimensionen hat: eine absolute und eine relative[91]. Die Wirtschaftsleistung mag bis zum Jahr 2050 um 100% oder 1.000% ansteigen, in jedem Falle muss der Arbeitende in unserem Beispiel dann 33 1/3% statt 20% von seinen Konsummöglichkeiten für die Alten „opfern“[92]. Allgemeiner formuliert: bei einer verschlechterten Relation Alte/Junge steigt im Prinzip die prozentuale Belastung der Arbeitenden mit Renten-„beiträgen“ unabhängig von Finanzierungsverfahren.
75. Somit hat eine kapitalgenerierte Rente in einer wesentlichen Hinsicht die gleiche Wirkung wie eine umlagefinanzierte Rente. Der Rentner – und das unterscheidet ihn vom (idealtypischen) „Kapitalisten“ – verwendet die Zinsen seiner Kapitalanlage für Konsumzwecke. Der Kapitalist sicherlich auch – zu einem kleinen Teil. Den größten Teil wird er, seiner gesellschaftlichen Funktion und dem nicht unbegrenzten Konsumbedürfnis entsprechend, wieder anlegen. Was der Rentner entnimmt, muss der Aktive ersetzen. Unsicher ist, wie sich das KDV hinsichtlich der Legitimation der Konsumentnahmen zu Gunsten der Rentner in den Augen der Aktiven darstellen würden. Diese könnten durchaus der Meinung sein, dass die Gewinne der 'Kapitalisten' zu hoch sind, und versuchen, etwa durch entsprechend hohe Lohnforderungen ihren eigenen Anteil kräftig zu steigern[93]. Dann müsste der Staat – wie in unserer Analyse der Kapitalbesitzerinteressen schon ausgeführt - u. U. 'zur Sicherung der Renten' die Löhne zwangsweise niedrig halten, was die anderen Kapitalbesitzer ebenso erfreuen dürfte wie die Rentner. Mehr noch als bisher wäre also der Staat gezwungen, Partei für die Kapitalbesitzer zu ergreifen, was kaum im Interesse der Arbeitnehmer liegt.
76. Die
Möglichkeit, dass durch verstärkte Investitionen in der Gegenwart (und der näheren
Zukunft) die absolute Höhe der Wirtschaftsleistung stärker gesteigert werden
kann als ohne solche Zusatzinvestitionen, ist durch meine bisherigen
Ausführungen nicht widerlegt. Widerlegt sind aber zunächst einmal alle
Behauptungen (auch wenn sie im Schafspelz von Insinuationen auftreten), dass
die „Beiträge“ der Arbeitenden (wenn man Beiträge nämlich nicht
rechtlich-organisatorisch als Beitragsabführungen an eine UV- oder
KDV-basierte, staatliche oder private Versicherungsorganisation versteht, sondern
als Leistungen, die dem eigenen Konsum entzogen und für den Konsum anderer
Personen zur Verfügung gestellt werden müssen) durch eine andere Finanzierungsform
oder sogar durch ein Mehr an Sparen in der Gegenwart in der Zukunft prozentual
geringer gehalten werden können. In diesem Sinne – und das ist eine der beiden
Dimensionen des Verteilungsproblems zwischen Alt und Jung – werden die
'Beiträge' in jedem Falle steigen. In dieser Hinsicht sind alle
Vorspiegelungen über die Möglichkeit von "Beitrags-"senkungen der
Büchse des Sandmännchens entnommen und werden uns vielleicht auch mit der
bekannt guten Absicht dieses Männchens ins geistige Auge gestreut.
77.
„Eine
Rentenreform, die es schafft, die gesamtwirtschaftliche Ersparnis zu erhöhen
und den privaten Konsum zurückzudrängen, wird die Kapitalbildung verstärken.
Der schneller anwachsende Kapitalstock wird auf Dauer zu einem größeren
Sozialprodukt führen, aus dem dann der Sozialaufwand leichter finanziert werden
kann. Wenn die Ersparnis im Inland investiert wird, erhöht sie die
Produktivität der inländischen Arbeit und die verdienten Kapital- und
Lohneinkommen.“ (Ziff. 17 Abs. 1 des Gutachtens).
78. Niemand kann beweisen, dass die Idee der Gutachter, die wir idealtypisch bereits im Modell vorgestellt hatten, nicht funktionieren wird. Doch lassen sich eine ganze Reihe von Gründen aufzeigen, die ein Funktionieren der Humankapitalsubstitutionsmaschinerie sehr unwahrscheinlich machen. Ganz allgemein ist festzustellen, dass die Gutachter historische Erfahrungen aus der Zeit der Industrialisierung und des nachfolgenden starken Wachstums in die Zukunft projizieren. Überlegungen, ob es Umstände gibt, die ein weiteres wirtschaftliches Wachstum verhindern oder wesentlich erschweren könnten, stellen sie nicht an. Erst recht machen sie sich keine Gedanken darüber, ob die Einführung des Kapitaldeckungsverfahrens nicht sogar kontraproduktiv sein könnte. Derartige Annahmen lassen sich aber durchaus substantiiert begründen, wie wir im Folgenden sehen werden.
Von China lernen, heißt verstehen lernen.
79. Der geduldige Leser wird sich schon nicht mehr wundern, wenn der Verfasser mit seiner proletarischen Abstraktionsphobie auch hier wieder ein Verständnismodell zurechtgebastelt hat[94]: aus seiner historischen Erfahrung, gewissermaßen. Zum archetypischen Fundus meiner Vorstellungen über die Funktionsweise von Wirtschaft gehören Arbeiter(innen) aus Mao Tse Tungs (è) kommunistischem China. Und zwar so, wie ich sie auf Illustriertenbildern vielleicht Ende der 50er Jahre beim Bau von Staudämmen abgebildet gesehen habe. Da schleppten die "blauen Ameisen" in Körben auf ihren Köpfen Erde zum Bau eines Staudammes herbei. Wir schauen mal 10.000 von ihnen, die auf diese Weise an einem Staudamm werkeln, so lange an, bis wir Mitleid bekommen und ihnen 100 Lkws verkaufen. Zum Einsatz der Lkws braucht es 100 Fahrer, die restlichen 9.900 blauen Ameisen sind also von der Dammbaufron befreit. Sie werden jedoch nicht arbeitslos, sondern, wie es ja auch für unsere eigene Wirtschaftsgeschichte zutrifft (wenn man von vorübergehenden Anpassungskrisen – Stichwort "Weberaufstand" - sowie von der jüngsten Entwicklung, deren Natur bisher wohl niemandem klar ist, einmal absieht), für andere Aufgaben eingesetzt: für die Errichtung weiterer Staudämme (è) z. B., sowie nicht zuletzt auch für die Produktion von Lkws, den Bau oder Ausbau von Straßen usw.
80. An diesem Modell lassen sich nun eine ganze Reihe von Faktoren veranschaulichen, welche für die Einschätzung der Möglichkeiten einer Steigerung des Sozialprodukts mittels Einführung des zwangsweisen Rentensparens von Bedeutung sein könnten.
a. Zunächst einmal natürlich der Nutzen, den alle aus der Rationalisierung ziehen: die Lkws kosten (postulieren wir) in Anschaffung und Betrieb den Gegenwert von 4.900 Arbeitslöhnen der Dammbau-Kopfarbeiter (d. h. die mit den Körben auf den Köpfen). Nur 100 müssen wir – jetzt als Lkw-Fahrer - noch beschäftigen und entlohnen, also haben wir die Kosten halbiert: wir zahlen jetzt Löhne quasi für 5.000 Arbeiter statt vorher 10.000. Der Rest fließt in neue Investitionen, die Taschen des Dammbauunternehmers, aber natürlich verlangen und bekommen auch unsere Lkw-Fahrer eine höhere Vergütung, da ihre Tätigkeit nunmehr qualifizierter ist als früher die Erdkörbeschlepperei.
b. Die Chinesen schaffen indes nicht nur wie die Teufel, sondern sparen auch so[95]. Um Zinsen/Rendite zu bekommen, müssen sie ihr Geld anlegen. Die Banken eliminiere ich hier in Gedanken[96]. Unsere Modellchinesen müssen also selbst ihr Sparkapital zum Dammbauunternehmen schleppen und es dort als Kredit oder Kapitalbeteiligung unterbringen. Wie aber verwendet der Dammbauboss die plötzlichen Kapitalschwemme? Eins jedenfalls wäre sinnlos: mehr Lkws zu kaufen. Sicher könnte er den Damm mit 200 Lkws doppelt so schnell fertig stellen, aber da er nur 100 Fahrer hat[97], ständen, wenn er weitere 100 Lkws anschafft, diese rostend im subtropischen Monsunregen herum. Wenn lediglich 100 Humankapitaleinheiten zur Verfügung stehen, sind 100 Lkws das Investitionsoptimum. Abstrahierend gesagt: die Menge des Humankapitals limitiert (je nach technologischem Stand in unterschiedlichem Verhältnis) den sinnvollen Kapitaleinsatz. Überschreitet der relative Kapitaleinsatz das Optimum, spricht man von "Überinvestition", und wie eine solche konkret funktioniert, hat ausgerechnet die so genannte "Asienkrise" der Welt vorgeführt. Mehr Kapital einzusetzen, bringt in diesem Fall kein Mehr an Rendite. Die Gutachter wissen das natürlich auch: "Die Ertragsrate des Kapitals ist umso niedriger, je geringer die Zahl der Arbeitskräfte ist, die als Komplemente des volkswirtschaftlichen Kapitalstocks für den Produktionsprozess zur Verfügung stehen" stellen sie in Ziff. 17 Abs. 2 fest[98]. Trotzdem sind sie zuversichtlich, dass "die Verbesserung der Kapitalausstattung der deutschen Arbeitsplätze ... die Produktion pro Arbeitsplatz vergrößern" wird (a. a. O.).
c. Wir vertrauen auf die Klugheit des chinesischen Dammbaumeisters und glauben, dass er 200 Lkws anschaffen wird – wenn er irgendwo noch 100 weitere Fahrer auftreiben kann. Wenn freilich die Lkws langlebig sind, und die Fahrer nach und nach ausgehen, weil immer mehr Chinesinnen die Pille schlucken, rosten irgendwann (vielleicht nach seiner Pensionierung) am Ende doch 100 Lkws im Regen (è). Und knabbern (è) nicht nur durch ihre kapitalbindendes Vorhandensein an der Rendite, sondern auch deshalb, weil sie (bis dahin seien parallel zum Wirtschaftswachstum auch in China die ökologischen Standards gestiegen) umweltgerecht und also mit hohen Kosten entsorgt werden müssen.
d. Ersetzt man dagegen die ursprünglich verwendeten 20-Tonner durch 40-Tonner, braucht man nur noch 50 Fahrer. Es wäre also schlau, doppelt so große Lkws zu verwenden. Doch was nützt das, wenn in den Wasserlöchern der Reifenspuren neben der Straße die geschützte Krötenart Bufo Bufo (è) sinensis[99] haust[100], oder wenn die ganze Straße schon aus der Tang-Zeit stammt und denkmalgeschützt ist? Und selbst wenn weder die eine noch die andere Fallgestaltung vorliegt, wäre ein Ausbau der Straße vielleicht zu teuer, weil sie z. B. meilenweit durch ein Granitgebirge verläuft.[101]
e. Zwar könnte Chef Lee Ka Wee alternativ auf den Gedanken kommen, einen weiteren Dammbau anzufangen, doch setzt die Natur auch hier dem Menschen Grenzen: irgendwann ist das ganze Land ver-dammt, und spätestens dann sind die Bautransportfahrzeuge überflüssig.
81. Wir sehen also bereits an diesem einfachen Beispiel, dass der Produktivitätssteigerung vielfältige Grenzen gesetzt sind. Und je weiter eine Wirtschaft entwickelt ist, desto mehr Hindernisse – objektive, aber auch viele gewissermaßen "ideologische" – stellen sich einer weiteren Rationalisierung in den Weg. Die Zeiten, wo man durch Kapitalinvestitionen menschliche Arbeit in riesigem Umfang einsparen konnte, indem man etwa die transsibirische Eisenbahn (è) baute, oder die legendären Bahnen durch den legendären "Wilden Westen" der USA, die sind, jedenfalls bei uns und in den anderen entwickelten Ländern, vorüber. Überträgt man das Denkmodell "blaue Ameise" analog auf unsere Verhältnisse, dann stimmt manches darin skeptisch gegenüber dem Optimismus der Gutachter, dass man nur kräftig Kapital reinklotzen müsse, um kräftig Produktion rauszubekommen. Ich halte es für eher unwahrscheinlich, dass man die Realkapitalinvestitionen in unserer Wirtschaft auch gegenwärtig noch quasi beliebig steigern und gleichzeitig eine angemessene Rendite erwarten kann.
Setzt man ein "oder" an die Stelle vom
"und",
läuft dadurch die Wirtschaft noch lange nicht rund!
82. Auf jeden Fall brauchen wir bei dem derzeitigen und dem derzeit realistisch absehbaren Stand der Technologie Human- und Realkapital, um die Wirtschaft am Laufen zu halten. Das wissen natürlich auch die Gutachter[102] (speziell Prof. Sinn hat an anderer Stelle später sogar eine Förderung der Geburtenrate gefordert – vgl. unten den Abschnitt "Denken, wie die Webervögel Nester bauen?"). Trotzdem sprechen sie durchgängig davon, dass wir "Humankapital oder Realkapital bilden" müssen, um eine ausreichende Rente zu haben (Ziff. 44 Abs. 4), und dass man Rente nur beziehen kann, wenn man "entweder in Humankapital oder in Realkapital investiert hat" (Ziff. 84 Abs. 3) [Hervorhebungen jeweils von mir]. Mit dieser Feststellung wird nun endlich auch der Titel meiner Untersuchung voll verständlich. Dass und in welchem Umfang sich Human- durch Realkapital ersetzen lässt – nicht allgemein, wie wir das bei den blauen Ameisen gesehen haben, sondern durch die Einführung des KDV über das 'normale' Maß hinaus – das müssten die Gutachter erst einmal beweisen. Statt dessen injizieren sie u. a. durch eine unzutreffende Konjunktion das zu Beweisende subkutan (oder genauer: subkranial) als Behauptung einer scheinbaren Selbstverständlichkeit. Anders gesagt: wenn wir dem Gaul, welchen uns die Wissenschaftler als intertemporales Sparkapitaltransportvehikel andrehen wollen, tief ins Maul schauen, entpuppt sich das Gebiss der Mähre als Realitätsersatz.
83. Nicht nur die Konjunktionssubstitution als semantischer Taschenspieler-Trick dient zu diesem Zweck; auch die Unterschiede zwischen beiden Systemen bzw. die ökonomische Funktionsweise (die nicht mit der organisatorischen zu verwechseln ist) des Kapitaldeckungssystems wird völlig falsch dargestellt, wie ich oben im Kapitel "Rentensicherung mit dem Grabstock?" bereits gezeigt habe.
84. In seiner Analyse der wissenschaftlichen Qualität der Argumente der KDV-Befürworter ("Why Funding is not a Solution to the 'Social Security Crisis'[103] " (è) ) wundert sich Prof. Friedrich Breyer (Uni Konstanz und DIW) darüber, dass Marktwirtschaftler die Altersvorsorge obligatorisch machen wollen: „In this context it is particularly surprising that many of the proponents of a government-mandated increase in retirement savings are otherwise staunch advocates of the free market“. Offenbar sieht er die beiden Positionen als widersprüchlich an. Insoweit gibt es jedoch einen nachvollziehbaren und überzeugenden Grund, die Rentensicherung nicht der Weitsicht und Konsumverzichtsbereitschaft der Arbeitenden zu überlassen: das Moral-Hazard-Problem nämlich, dass wir nach unserem Gesellschaftsverständnis niemanden verhungern lassen können. Auch diejenigen, welche nach biblischer Vorgabe wie die Vögel auf den Feldern gelebt und die Sorge um ihre Zukunft anderen überlassen haben, könnten mit einem staatlichen 'Bailout' rechnen (mit welchem auf anderer Ebene und in anderer Weise speziell die US- Politik bei Bedarf gelegentlich die freilich weniger schutzbedürftigen Finanzmarktakteure beglückt[104]). Insoweit ist jedenfalls die Begründung in Ziff. 54 II des Gutachtens, die Alterssicherung nicht der freiwilligen Entscheidung zu überlassen, sondern sie als Pflichtsparen auszugestalten, durchaus überzeugend.[105]
Chor der KDV Rumpelstilzchen (è):
"Ach wie gut, dass niemand weiß,
dass unsere Prämisse Marktversagen heißt"
85. Ein sehr viel eindeutigerer, gravierender und geradezu erschreckender Widerspruch ist es jedoch, wenn die Strategielehrer der Marktwirtschaft dieser einen „forced growth“ aufzwingen wollen. Sicher: schon Übervater Adam (è), Smith nämlich, hatte einen „intertemporal bias“ und war in dieser Hinsicht staatlichen Eingriffen nicht abgeneigt[106]. Trotzdem impliziert der Glaube an die Möglichkeit einer zwangsweisen Steigerung der Investitionsquote durch staatliche Maßnahmen[107] denknotwendig die Annahme eines eklatanten Marktversagens im Hinblick auf das (Nicht-)Erreichen des Investitionsoptimums. Und das wirft natürlich die Frage auf, ob man nur oben Kapital reinstecken muss und unten (mehr Güter) rausbekommt, oder ob der Versuch einer Kapital-Stopfmast (è) zu einer Art Erbsünde (è) wird, welche dann weitere sündhafte Eingriffe ins Marktgeschehen erforderlich macht. Anders gesagt: auf der einen Seite verstehen die Gutachter den Markt als einen intelligenten Futterverwerter, der, wenn man ihn nur ausreichend mit Geld (Kapital) füttert, zu gegebener Zeit (mehr oder weniger) automatisch genügend an Rente (Güter/Dienstleistungen) ausspuckt. Andererseits wird implizit unterstellt, dass er ein stummer Golem (è) ist und nicht einmal in der Lage, durch entsprechende Signale an die Marktakteure diese zu veranlassen, die Investitionen soweit hoch zu fahren, dass das gesamtwirtschaftliche Optimum erreicht wird. Tja, Freunde, wat denn nu? Müssen wir am Ende etwa 'ne Plankommission einführen, um die Renten zu retten? Oder, wenn das Wort „Plan“ allzu sehr verbrannt ist, 'un peu de Planification'? [108] Oder wie sonst soll es der scheinbar oder anscheinend magersüchtig